Zwei Jugendamtsleiter sollen mit Kindern Geld gemacht haben

Von Friedhelm Pothoff

Gelsenkirchen.  Der Leiter des Gelsenkirchener Jugendamtes und sein Stellvertreter sollen ihre Funktionen ausgenutzt haben, um mit Kindern Geld zu verdienen, die in staatlicher Obhut waren. Das berichtet die ARD-Sendung „Monitor“. Sie sollen gezielt für eine Überbelegung des Gelsenkirchener Kinderheims St. Josef gesorgt haben, um Kinder von dort weiter in eine Einrichtung für sonderpädagogische Maßnahmen nach Ungarn zu schicken. Träger des Heimes in Pécs sei die Firma „Neustart“, gegründet 2004 von den beiden Männern.

Nach ARD-Informationen soll es eine Abmachung zwischen dem Kinderheim St. Josef, Träger St. Augustinus GmbH, und den Spitzen des Gelsenkirchener Jugendamtes gegeben haben. Durch die Überbelegung soll das Heim seine Einnahmen erhöht haben. Im Gegenzug seien Kinder in die ungarische Einrichtung weitervermittelt worden. 5500 Euro pro Kind und Monat soll der Staat dafür an „Neustart“ gezahlt haben.

Ein Mitarbeiter des ehemaligen Heims in Ungarn sagt in dem Bericht, dass es keinerlei pädagogische Konzepte gegeben habe. Man habe „einfach irgendwas mit den Kindern gemacht“. Ein junger Mann, ehemals Heimkind bei „Neustart“, bestätigte, dass man sich kaum um sie gekümmert habe: „Wir konnten kiffen, das haben wir auch gemacht. Wenn wir nicht zur Schule wollten, konnten wir weiter schlafen.“

Die Beschuldigten bestreiten die Vorwürfe. Ihre Anteile an der Firma hätte der Leiter 2007 an seine Frau, der Vize an seinen Bruder übertragen. Oberbürgermeister Frank Baranowski (SPD) sagte gestern: „Was ich in dem Bericht gesehen habe, macht mich fassungslos. Die Angelegenheit muss lückenlos aufgeklärt werden. Dazu habe ich die notwendigen Schritte eingeleitet.“ Damit sprach er die sofortige Freistellung der beiden Betroffenen bis auf Weiteres von ihren Dienstpflichten an. Der OB leitete nach Auskunft der Stadt umgehend eine Prüfung des Sachverhaltes ein.

Eine erste Untersuchung des Rechnungsprüfungsamts ergab laut Verwaltung, dass die Stadt keine Maßnahme von „Neustart“ (Ungarn) finanziert hat. Beide Dienstkräfte, heißt es in der Erklärung, hätten kurz nach Gründung der ungarischen Gesellschaft auf kritische Nachfrage der Stadtverwaltung hin versichert, dass sie von der beantragten Nebentätigkeit Abstand nehmen würden. Bis zur Recherche von Monitor hätte die Stadt Gelsenkirchen keine Anhaltspunkte gehabt, dass diese Zusicherung nicht eingehalten worden sei.