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Zum Abschuss freigegeben

Niederrhein. 

Ihr Schnattern ist schon von Weitem zu hören. Laut und eindringlich schallt es vom See durch die Uferböschung. Und kaum nähert sich ein menschliches Wesen, schwimmen sie zu Hunderten darauf zu. Ganz als ob sie Futter erwarteten. Und vermutlich tun sie genau das. Zehntausende Enten sollen es sein, die in diesem Frühjahr auf nordrhein-westfälischen Gewässern ausgesetzt wurden. Gezüchtet, um gejagt, um nur dreieinhalb Monate später abgeschossen zu werden. Halali, es ist Jagdsaison.

„Abschussanlage für Enten“

Zahlreiche Gewässer des Landes seien regelrecht in „Enten-Abschussanlagen“ verwandelt worden, argumentiert der Tierschutz-Verein „Komitee gegen den Vogelmord“, der in den vergangenen Wochen 40 Gewässer am Niederrhein und im Münsterland kontrollierte und bei der Hälfte von ihnen mehr als 2000 eigens für die Jagd ausgesetzte Hochbrutflugenten zählte. Und nicht nur das. „Viele der Seen sind stark belastet durch zum Füttern der Tiere ausgestreutes Getreide sowie durch den Kot des künstlich erhöhten Tierbestands“, erklärt Axel Hirschfeld vom Komitee gegen den Vogelmord.

Der Verein hat inzwischen wegen dieser Verstöße gegen das Bundesnaturschutzgesetz und das Landesjagdgesetz Anzeige gegen die Revierpächter erstattet. Denn laut Gesetz dürfen weder halbzahme, gezüchtete Enten ausgesetzt werden, noch ist es erlaubt, Futter direkt in die Seen zu schütten. Genau das geschieht jedoch vielerorts.

Ortstermin in einem Waldstück zwischen Alpen und Sonsbeck am Niederrhein. Der Zufall will es, dass der Revierjäger gerade in der Nähe des Sees parkt. Misstrauisch beobachtet er uns – zwei Mitglieder vom Komitee und die Reporter. Und ebenso misstrauisch lässt er sich auf ein Gespräch ein. „Es ist Futter im See gefunden worden!“ – „Aha, aber wer hat’s reingetan?“ / „Anwohner haben gesagt, die Enten seien Ende Mai auf den See gekommen!“ – „Die Leute hören so viel!“ / „Wo kommen die Enten denn her?“ – „Die kommen dahin, wo ihnen gutes Futter angeboten wird.“

Axel Hirschfeld vom Komitee gegen den Vogelmord kennt die Wege der für den Abschuss erzeugten Enten genau. „Die Tiere kosten zwischen sechs und sieben Euro, werden zumeist in Osteuropa gezüchtet und bei Zwischenhändlern großgezogen. Ende Mai müssen sie ausgesetzt werden“, sagt Axel Hirschfeld.

Und auch Josef Tumbrinck, der Vorsitzende des Naturschutzbundes (Nabu) NRW, sagt, dass es ihm „die Sprache verschlagen habe, als ich gesehen habe, welches Ausmaß diese Aussetzungen in NRW haben“. Tumbrinck: „Die Jäger wollen mehr Tiere schießen als in der Natur vorkommen.“

Ortstermin in Weeze, auf Ländereien des Schlosses Kalbeck. Ein Mitarbeiter der Forstverwaltung spricht uns an, zeigt, obschon selbst Jäger, durchaus Verständnis für die Haltung der Tierschützer. Auch auf Kalbeck werden Tiere ausgesetzt, Gelege, die beim Mähen entdeckt werden, sowie gezüchtete Enten. „Die Jagd ist der Hintergrund“, sagt der Mann, der seinen Namen nicht nennen möchte. „Mein Chef, der Baron, isst lieber Ente in Orangensoße als Hühnchen. Bei uns landet alles in der Schlossküche.“

Jagd sei eine Passion, erklärt er, der eine teile sie, der andere nicht. Er kenne diese Diskussion auch in der eigenen Familie. Aber er gehe davon aus, dass das Aussetzen von Enten 2014 im neuen Landesjagdgesetz verboten werde. Dann habe sich das Thema erledigt.

Umweltministerium will ökologisches Jagdgesetz

Eine Einschätzung, mit der dieser Forstarbeiter nicht ganz falsch liegen dürfte. Auch das Umweltministerium NRW erklärte, man setze sich bei der anstehenden Novellierung für ein ökologisches Jagdgesetz ein, prüfe, ob „das Aussetzen von Stockenten überhaupt noch zeitgemäß sei“.

Für den Landesjagdverband beschied Ludger Baumeister dieser Zeitung, man wolle sich erst äußern, wenn die Behörden in der Sache ermittelt hätten. Jäger hielten sich an Gesetze.