Wo Nachtarbeit zur Kunstform wird

Ist immer ein Feuerwerk: Die mittlerweile 16. Extraschicht des Ruhrgebietes.
Ist immer ein Feuerwerk: Die mittlerweile 16. Extraschicht des Ruhrgebietes.
Foto: FUNKE Foto Services
Das Wetter? Ziemlich kühl. Die Warteschlangen? Ziemlich lang.Die Stimmung: dennoch ziemlich gut. Die Extraschicht: ein ziemlicher Selbstläufer

An Rhein und Ruhr..  So ist das auf der Arbeit: An einigen Stellen ist nichts zu tun und woanders kommste gar nicht hinterher. So ist es auch, wenn die Extraschicht ansteht. Die Tour durch Zechen, Hallen, Theater und Fabriken ist die ständige Selbstentdeckung des Reviers – und 200 000 Revierbürger und Gäste zieht es dorthin, wo tatsächlich noch malocht wird. Bei Thyssen-Krupp im Duisburger Norden war schon kurz nach Start klar: Die Leute sind Feuer und Flamme fürs Stahlwerk. „Drei bis vier Stunden Wartezeit“, heißt es am Tor.

Zugfahren war da offenbar die pfiffigere Alternative: Vom Landschaftspark Duisburg-Nord beförderten die Werksbahner mit Hilfe des Historischen Schienenverkehrs Wesel die Besucher etwas zügiger ins Werksgelände. Zudem ist der Landschaftspark auch allein mit Musik, Theater und Feuerwerk stets ein prächtiger Spielort. Wenn jetzt noch die Zugschaffner Platzkarten ausgäben, damit die Fahrgäste die Wartezeit nutzen könnten – es wäre ein Vergnügen.

Aber um den Zug nehmen zu können, muss man ihn erst einmal finden – und die segensreichen Extrabusse halten am Landschaftspark weit entfernt vom Spielort. Aber wie das so ist mit der Arbeit. Auch, wenn nicht alles super ist, hingehen muss man doch.

Spezielle Speisen in Dortmund: Mehlwürmer, in Öl geschwenkt

Wer arbeitet, will auch essen. Da hatten sich in diesem Jahr die Macher am Dortmunder U etwas Besonderes einfallen lassen: Knackige Käfer, frisch angebratene Mehlwürmer (in Öl, nicht in Mehl) und ein paar etwas größere Larven. Augen zu und reingebissen. Schmeckt wie knackige Snacks, mal leicht nussig, mal nach nichts und auch nicht viel anders als knackig angebratene Shrimps.

Alles geht, nichts muss. Kopfhörerparty trifft Klavierfestival in der Jahrhunderthalle, Elvis und Kumpel Anton begegnen einander auf Zeche Zollern, und offenbar hat jeder, der unfallfrei auf Stelzen gehen kann, in dieser Nacht ein Engagement im Ruhrgebiet – bei 48 Spielstätten und 2000 Aktiven.

Hier Parade, da Feuerwerk, dort Tanz, drinnen Lesung, draußen „Steampunk“. Die Freunde des viktorianischen Lebensstils sind auch da, sie haben ihre Ausstellung von Spazierstöcken und Zahnrädern, Tournüren, Ornamenten und Plüsch auf einer durchweichten Wiese hinter der Zeche Hannover in Zelte verpackt. Offenbar überwölbt die „Nacht der Industriekultur“ jede Darbietung – vielleicht mit Ausnahme von Schach.

Beim Veranstalter Ruhr-Tourismus jedenfalls lieben sie die langen Schlangen vor den Spielorten. „200 000 Besucher“ verkündet Sprecherin Kirsten Hansonis in einer Mail Sonntagnacht um 3.44 Uhr und zitiert Geschäftsführer Axel Biermann dahingehend: „Die Fangemeinde der Extraschicht ist riesengroß und lässt sich auch von widrigem Wetter nicht abschrecken.“ Gut gemacht, Extraschicht. Das Ruhrgebiet guckt mal auf sich als – Ruhrgebiet.

 
 

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