Wo Einbrecher in NRW zuschlagen und warum sie oft entkommen

62.000 Einbrüche hat es im vergangenen Jahr in NRW gegeben. Die Kriminellen auf Beutezug kommen längst nicht nur in der Dunkelheit - auch die späten Nachmittagsstunden sind beliebt.
62.000 Einbrüche hat es im vergangenen Jahr in NRW gegeben. Die Kriminellen auf Beutezug kommen längst nicht nur in der Dunkelheit - auch die späten Nachmittagsstunden sind beliebt.
Foto: Imago
  • In Wohnblocks und Vorstadt-Siedlungen steigt die Zahl der Einbrüche.
  • Wir fragen: Wo stammen die Täter her? Wann kommen sie?
  • Es gibt inzwischen Hinweise auf einen Konflikt zwischen Polizei und Justiz. Denn fast alle Einbrecher kommen ungestraft davon.

Ruhrgebiet.. Die Wut ist groß bei den schockierten Opfern. 167.000 bundesweite Einbrüche haben die deutschen Innenminister für das Jahr 2015 gemeldet. Ein Höchststand. 62.000 mal hat es Mieter und Eigentümer in Nordrhein-Westfalen getroffen. 1800 Mal räumten Täter Wohnungen in Bochum aus, 3029 mal in Essen, 2230 Einbrüche gab es in Duisburg und 630 in Hagen. Nirgendwo sonst zwischen Nordsee und Alpen haben die Täter so oft zugeschlagen. Mehr noch als die Metropolen Berlin und Hamburg sind Städte im Ruhrgebiet zum Tatort geworden.

Ralf Jäger, der NRW-Innenminister, will die Einbruchswelle brechen. Das seit Jahresbeginn ins Internet gestellte Einbruchs-Radar soll der Bevölkerung signalisieren: Hier müsst Ihr aufpassen! Das Landeskriminalamt wird bald regelmäßig neueste Erkenntnisse und Daten in Sachen Einbruchskriminalität veröffentlichen.

Die Aufklärung der Bevölkerung wird verstärkt. Die Bürger sollen erfahren, wie sie ihre Privatsphäre technisch besser schützen kann. Das lohnt. Mehr als 40 Prozent der Einbruchsversuche, Tendenz steigend, scheitern an Nachbarn - oder eben an technischen Sicherungsmaßnahmen von der Sorte „Riegel vor!“ Der Appell, der auch von Polizisten vor Ort massiv unterstützt wird: Keine Scheu! Ruft 110 an, wenn etwas auffällt! Immerhin: Erste Daten des Jahres könnten für 2016 in einigen Städten – darunter Bochum und Essen – wieder eine Abschwächung der Einbruchs-Quoten bedeuten.

Wie berechtigt sind die Ängste? Welche Erkenntnisse haben die Polizeibehörden im Ruhrgebiet? Wie gehen die Fahndungen aus? Eine Umfrage unserer Redaktion in den Präsidien zeigt überraschende Übereinstimmungen. Es gibt größere, bemerkenswerte Erfolgsberichte von Ermittlern. Aber am Ende auch Zusammenhänge, die nachdenklich machen.

Die Täter

Die Revier-Polizeien bestätigen die Behauptungen, dass die Täter vor allem aus Ost- oder Südosteuropa kommen. Frank Draganski von der Kriminalpolizei in Essen nennt vier Herkunfts-Regionen: Balkan, Rumänien, Georgien, Albanien. „Es sind einreisende Einbrecher aus den südosteuropäischen Staaten“, sagt auch Ralf Bode vom Präsidium Hagen - und er beklagt aus dieser Sicht heraus, dass seine Stadt so gut an die Autobahnen A1 und A45 angebunden ist. Fluchtwege also.

Der Bochumer Polizeisprecher Frank Lemanis weiß von einer „überproportionalen Zunahme organisierter, reisender Tätergruppen aus Südost- und Osteuropa, die hier drei bis fünf Monate aktiv sind“. In Dortmund weist Sprecher Kim Freigang auf die erfolgreiche Arbeit der Ermittlungskommission „Schmelzer“ und „Engel“ hin. Bei „Engel“ kam man, unterstützt von Experten aus dem übrigen Revier und Wuppertal, 25 Bosniern auf die Spur. Sie hatten „Stützpunkte“ im Ruhrgebiet und stammten aus der bosnischen Stadt Zenica. Festgenommene gelten dort als „Gefallene“ und werden sofort ersetzt.

Fahnder aus anderen Revier-Kommunen erkennen das Dortmunder Vorgehen als den vielleicht bedeutendsten Erfolg der letzten Zeit an. Auch der Essener Draganski weiß aus eigener Erfahrung von hierarchisch strukturierter Organisierter Kriminalität, die sich nicht scheut, 14-Jährige einzusetzen und nach einer Festnahme blitzschnell mit einem Anwalt aufzuwarten. Den kriminellen Junkie-Einzeltäter gibt es noch. Aber die großen Banden machen die Probleme.

Die Beute

Schon der materielle Schaden ist hoch. Die Polizei in Duisburg benennt für 2015 5,3 Millionen Euro. Pro heimgesuchter Wohnung wären das im Schnitt 4200 Euro. In Essen sind es fast acht Millionen gewesen, pro Fall ein Schaden von 4525 Euro je vollendetem Einbruch. Die Täter sind auf Bargeld, Schmuck und Elektronik jeder Spielart aus. In Essen räumten die Einbrecher im vergangenen Jahr auf der Suche danach mehr als 3000 Häuser aus und 475 Geschäfte. Geschätzt in jedem zweiten Einbruchsobjekt kommt es -. eine bundesweite Zahl - zu Verwüstungen der Inneneinrichtung. Der andere Schaden, der der menschlichen Psyche bei den heimgesuchten Opfern, ist größer. Die Essener Kripo kennt auch diese Folgen: „Das hinterlässt starke Beeinträchtigungen. Die Opfer können nicht schlafen und fragen „Kommt der Täter wieder?“. Jeder zweite Betroffene hält es nicht mehr am einstigen Tatort aus und zieht später aus.

Tatorte, Tatzeiten - und woran die Strafverfolgung krankt

Die Tatorte

Die Täter unterscheiden nicht zwischen „armen“und „reichen“ Vierteln. Sie suchen alle möglichen Stadtteile heim. Ob Eigenheime oder Wohnblocks: „Wir haben keine Inseln der Glückseligkeit“, weiß der Dortmunder Polizeisprecher Kim Freigang. In Dortmund ist der Innenstadtbereich einschließlich der beleumdeten Nordstadt ein hervorstechender Tatort mit 584 „Brüchen“ im letzten Jahr und enormen Steigerungsraten. In Essen ist Rüttenscheid ein von den Kriminellen gern besuchter Stadtteil. Im wohlhabenderen Witten, das zum Bochumer Präsidium gehört, ist der Wohnungseinbruch um gleich 95 Prozent gegenüber 2014 auf 499 Taten gestiegen.

Von 100 Einbruchszielen sind 70 Mehrfamilienblocks und 30 Einfamilienhäuser, sagt die Essener Kripo. Aus Duisburg liefert Ramon van der Maart eine spannende Tabelle: Die Polizei dort hat in 46 Ortsteilen die Häufigkeit der stadtweit 2233 Einbrüche (Fälle pro Einwohner) aufgelistet. An der Spitze steht die ohnehin von Kriminalität belastete Altstadt mit ihrem Rotlichtviertel. Auf Platz 2? Das völlig anders strukturierte linksrheinische Dorf Baerl mit der nahen Auffahrt zur A42. Die Gangster kamen hier 58 Mal im letzten Jahr. Quer durch die befragten Präsidien ist man sich einig, dass der Täter einbricht, wenn er sich unbeobachtet fühlt. Besteht dagegen eine „soziale Kontrolle“ zum Beispiel durch aufmerksame Nachbarn und häufige Streifen, lässt er es eher sein.

Die Tatzeiten

Einbrecher sind bei weitem nicht immer die düsteren Typen mit der Taschenlampe, die nachts Schlafende aufstören. Weit mehr suchen sich – in Gruppen von zwei bis drei – Tatorte in den späten Nachmittagsstunden. Dann, wenn viele Berufstätige noch nicht zu Hause sind und wenn im Herbst das noch ausgeschaltete Licht die Abwesenheit der Menschen verrät, sagt Frank Draganski. Und deutet an, dass die Verfolgung für die Polizei in einsamen Nächten eher einfacher ist als an wuseligen Spätnachmittagen.

Die Strafverfolgung

Sie ist das heikelste Kapitel. Der Bürger stellt sich das so vor: Die Schuldigen werden ausfindig gemacht, die Beweise herangeschafft, die Justiz urteilt ab. So ist es aber nur im Idealfall. Gerade das aktuelle Geschehen zeigt eine brisante Seite des Themas. In Bochum ist es gelungen, zwei Einbrecher durch Aufmerksamkeit von Nachbarn zu stellen und zu fassen – und die Staatsanwältin ließ die unter 20-Jährigen laufen. Eine Untersuchungshaft sei unverhältnismäßig, stellte sie fest. Die Betroffenen sind empört.

Doch Bochum ist kein Einzelfall. Schon die Aufklärungsquoten liegen, auch im bundesweiten Vergleich, niedrig. In zehn bis 15 Prozent der Fälle, mit sinkendem oder stagnierendem Trend, kommt es zu einem Tatverdacht. Selbst wenn sie festgenommen werden, kommen die Verdächtigen fast immer ohne Strafe davon. Die Wahrheit: Von 100 Einbrüchen haben 98 keine strafrechtliche Folgen für die Täter.

„Wir machen unsere Hausaufgaben“, sagen sie bei der Kripo in Essen vorsichtig. Sie betonen die gute Zusammenarbeit mit den Staatsanwälten vor Ort. Die Polizei in Essens Nachbarstadt ist skeptischer – und spricht jetzt Klartext. Frank Lemanis vom Bochumer Präsidium sagt: Die reisenden Täter würden „nur ein bis zweimal bei versuchten Einbrüchen festgenommen. Sie reisen dann wieder aus, weil in solchen Fällen keine Untersuchungshaft verhängt wird. Wenn dann die Auswerteergebnisse der Spurensicherung und die DNA-Ergebnisse kommen, können Einzelfälle zwar noch zugeordnet werden, aber keine großen Serien. Viele Strafverfahren enden dann mit einem Haftbefehl für einen Täter, der sich nicht mehr in Deutschland aufhält“.

Polizisten fangen die Diebe, die Justiz lässt sie laufen? Ist das die Realität in NRW? Es ist Stoff für eine Rechtsstaats-Diskussion.

 
 

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