Winterberg/Sauerland: Bürgermeister will hart gegen Tagestouristen durchgreifen – Kommt das Ausflugsverbot?

Nicht nur Corona: das waren die größten Epidemien der Menschheit

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Winterberg. Das Corona-Chaos im Sauerland hält auch am Mittwoch an!

Winterliche Temperaturen und Schnee haben erneut viele Menschen nach Winterberg gelockt. Die Stadt reagierte bereits am Montag deutlich und bat die Menschen nicht mehr anzureisen. „Liebe Gäste, die Verkehrssituation spitzt sich derzeit bereits wieder extrem zu. Auch heute bleibt uns nur die Bitte an alle, die sich gerade auf den Weg machen oder schon auf dem Weg zu uns sind, von der Anreise abzusehen.“

Winterberg: Verkehrschaos wegen Schnee-Touristen

Alle Parkplatzkapazitäten seien erschöpft, die Straßen wie bereits an den Vortagen verstopft. Rodel- und Skilifte sowie Einkehrmöglichkeiten seien ohnehin geschlossen, auch sei das Rodeln an Liften nicht erlaubt.

Trotz verstärkter Kontrollen und Einschränkungen bei Parkangeboten hat sich der Ansturm von Tagesausflüglern auf das verschneite Winterberg im Sauerland am Mittwoch nur leicht verringert. „Es sind nur etwas weniger als am Dienstag“, sagte eine Stadtsprecherin am frühen Nachmittag. Daher bat Winterberg auch an diesem Tag erneut, wegen der Pandemie auf einen Besuch zu verzichten.

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Der Bürgermeister Michael Beckmann (CDU) hatte unterdessen versucht, beim Land ein Ausflugsverbot für Tagestouristen zu erwirken. „Das wäre mein Wunsch gewesen, das gab es auch im Sommer in Mecklenburg-Vorpommern“, sagte der CDU-Politiker Michael Beckmann am Mittwoch der „Rheinischen Post“.
„Aus dem Gesundheitsministerium hat man mir aber gesagt, dass das nicht geht. Das gibt die Corona-Schutzverordnung von NRW nicht her.“

Die Stadt habe die Möglichkeit, ihre Straßen zu sperren. Das bringe aber nichts, da sich der Verkehr auf den Bundesstraßen staue. „Dazu kommt: Selbst wenn ein Ausflugsverbot rechtlich möglich wäre, würde man es praktisch nicht kontrollieren können. Man müsste dann jedes einzelne Auto anhalten und überprüfen, ob die Insassen aus Winterberg kommen, Verwandte besuchen oder Tagesurlauber sind“, so Beckmann in der „RP“.

Polizei warnt Autofahrer vor Reise nach Winterberg

Auch die Polizei Hochsauerlandkreis appelliert: „Die Straßen rund um Winterberg sind überfüllt. Es kommt zu erheblichen Staus und sehr langen Wartezeiten. Rechtlich dürfen Sie die Skigebiete besuchen. Ob es richtig und sinnvoll ist in der jetzigen Zeit, müssen Sie selber entscheiden.“

Anwohner sauer: „Man sollte Hundekotbeutel verteilen“

Nicht nur von der Verkehrssituation sind viele Anwohner genervt. Ganze Gruppen versammeln sich offenbar zu Winterspaziergängen. Abstand? Oft Fehlanzeige, berichtet die „Westfalenpost“.

Außerdem würden viele Anwohner voller Sorge auf wärmere Tage blicken. Den ekelhaften Anblick, der mit dem Tauwetter einhergehen wird. „Man sollte für die Touristen Hundekotbeutel verteilen!“, fordert deshalb ein Anwohner in der „Westfalenpost“.

Tankstellenpächterin besorgt – „Nicht zu bewältigen“

„Am Morgen dachten wir noch, die Leute sind vernünftig, aber jetzt spitzt es sich schon wieder zu“, sagte die Winterberger Tankstellenbetreiberin Annika Dünnebacke am frühen Nachmittag. Wie schon am Vortag habe sie die Toiletten der Tankstelle geschlossen, weil angesichts der Schlangen von Nutzern Abstände und Hygiene nicht mehr zu garantieren seien.

Gegenüber dem Radiosender 1Live wird sie deutlich: „Der Ansturm ist nicht zu bewältigen, Schutzmaßnahmen nicht einzuhalten. Es wird kein Verständnis gezeigt, die Leute sind rücksichtslos.“

Hotelier meckert: „Ist nicht normal!“

Wie dramatisch die Situation ist, wird an einem Kommentar unter der Reisewarnung der Stadt deutlich. Jörg Templin, Geschäftsführer des Romantik Berghotel Astenkrone und Vorstandsmitglied des Stadtmarketingverein Winterberg, findet dort deutliche Worte. „Wir leben von unseren Gästen und lieben unsere Gäste. Aber was gerade da draußen vor Winterberg und Altastenberg passiert, ist nicht normal“, schreibt Templin.

Er könne den Wunsch nach Reisen, frischer Luft und Schnee nachvollziehen, doch zugleich betont er: „Wir glauben, dass die Menschen, die momentan nach Winterberg kommen, sich keine Gedanken um uns Mitarbeiter, Hoteliers Einzelhändler, Kinder, Erwachsene und ältere Menschen machen. Wir haben keine Lust noch länger in diesem Lockdown zu sein, nur weil viele gerade nicht einmal verzichten können. Wir können uns dies finanziell alle nicht mehr lange erlauben. Macht euch schon einmal Gedanken, wo ihr demnächst Urlaub machen könnt, Essen an einem gedeckten Tisch bei wohltemperierter Atmosphäre genießen könnt, leckeren Wein von kompetenten Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen serviert bekommt. Uns allen hier in Winterberg geht der Arsch auf Grundeis. Ohne Gäste / ohne Umsatz – diesen Zustand halten wir hier alle nicht mehr lange aus. Bitte kommt erst wieder, wenn es wirklich sinnvoll ist und nicht nur die persönliche Befriedigung von kurzfristigen Wünschen überwiegt. Zeigt eure Verantwortung gegenüber den Menschen in Winterberg und anderen deutschen Ferienregionen.“

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Angesichts der konstanten Wetterlage im Wintersportort rechnet die Sprecherin der Wintersport-Arena Sauerland, Susanne Schulten, allerdings weiter mit Andrang. „Das wird sich nur langsam beruhigen - eine wirkliche Änderung gibt es wohl erst, wenn der Schnee weg ist oder nach dem Ende der Schulferien“, sagte sie.

Witterung sorgt für Unfälle

Wegen der Witterungsbedingungen kam es am Montag außerdem zu einer Reihe von Unfällen, bereits am Sonntag hatte eine 18-jährige Frau die Kontrolle über ihr Fahrzeug verloren und war in eine Böschung geprallt. Sie wurde schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht.

In Sundern haben die Ordnungsbehörden bereits die Reißleine gezogen. Die Anfahrt ins Ski-Gebiet Wilde Wiese ist nicht mehr möglich, teilte die Poilzei am Nachmittag mit.

Winterberg: Böhmermann nimmt sich Rodel-Touristen zur Brust

Im Netz blieb das Verkehrs-Chaos in und um Winterberg nicht lange unkommentiert. Auch Moderator Jan Böhmermann zeigte sich fassungslos, was ihn zu einem Seitenhieb gegen die Rodel-Fans veranlasste. „Tut mir leid, Oma, dass Du jetzt sterben musst, aber – versteh doch – Christiane und Manfred hatten zwischen den Jahren einfach mal Lust auf einen kleinen Tagesausflug ins verschneite Sauerland“, twitterte er in seiner gewohnt provokanten Art.

Die Stadt Winterberg will nun beratschlagen, wie man in Zukunft mit solch großen Touristen-Anstürmen umgehen will.

Winterberg: Armin Laschet appelliert an die Bürger

Auch NRW-Ministerpräsident lässt die Situation rund um Winterberg nun nicht mehr los. „Mein Appell lautet daher: Bleiben Sie zu Hause!“, erklärte er am Dienstag gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Auch am dritten Tag in Folge zog es tausende Menschen in den Skiort, erneut bildeten sich lange Staus.

Laschet kündigte außerdem an, dass das Land NRW Winterberg bei allen notwendigen Maßnahmen unterstützen werde, um den Menschenmassen Herr zu werden. „Wir sind bereit, auch kurzfristig mehr Einsatzkräfte zu schicken.“ Verstöße gegen Corona-Regeln würden konsequent geahndet, erklärte der CDU-Politiker weiter.

Winterberg reagiert mit "massiven Maßnahmenpaket"

Die Stadt Winterberg reagiert nun mit einem "massiven Maßnahmenpaket". Dieses sieht vor:

  • personelle Verstärkung des Ordnungsamtes
  • deutliche Erhöhung der polizeilichen Einsatzkräfte
  • Einsatz von Sicherheitsdiensten
  • Maskenpflicht werde auf weitere Gebiete im Stadtgebiet ausgeweitet
  • Erhebliche Einschränkung der Parkflächen

Vor allem aber hofft die Stadtverwaltung, dass sich möglichst viele Ausflügler gar nicht erst auf den Weg nach Winterberg machen. „Wir appellieren, zuhause zu bleiben und Kontakte zu reduzieren. Dies dient uns allen, wenn wir möchten, dass wir möglichst bald schon wieder Winter- und Freizeit-Spaß, Wander- und Bike-Urlaub bei uns in unserer schönen Region erleben möchten“, erklärte Bürgermeister Michael Beckmann.

Weitere Appelle aus NRW kamen auch aus der Städteregion Aachen: Besucher sollten auf Ausflüge an die Pisten in der Eifel verzichten. Die großen Menschenansammlungen erschwerten die Einhaltung von Maskenpflicht und Kontaktbeschränkungen und erhöhten das Risiko einer Ansteckung, hieß es am Mittwoch in einer Erklärung der Städteregion. (mit dpa)