Whatsapp der Gangster: Mit diesem Messenger kommunizieren Drogenbanden und die Mafia

Whatsapp der Verbrecher: Auch eine mutmaßliche Mafia-Bande aus NRW griff auf diesen Dienst zurück.
Whatsapp der Verbrecher: Auch eine mutmaßliche Mafia-Bande aus NRW griff auf diesen Dienst zurück.
Foto: dpa/imago images; Montage: DER WESTEN

19.000 Nachrichten auf einem Handy und nur ein Thema: Drogen!

Als niederländische Ermittler in Costa Rica einen Server mit verschlüsselten Nachrichten ausheben, stoßen sie auf das Whatsapp der Verbrecher. Von der Bestellung über die Preisverhandlung bis hin zu Einfuhr, Verkauf und Bezahlung wurde über verschlüsselte Chats alles rund um Drogendeals besprochen. Auch von mutmaßlichen 'Ndrangheta-Mitgliedern aus NRW.

Whatsapp der Verbrecher: Ermittler gelingt Mega-Schlag

Die Paten von Rhein und Ruhr: die Mafia in NRW - so kommuniziert die Mafia
Die Paten von Rhein und Ruhr: die Mafia in NRW - so kommuniziert die Mafia

Am 13. Juni sorgte dann eine Nachricht für Schockwellen unter Kriminellen in Europa. „Unsere Domain wurde illegal von Regierungseinheiten übernommen", schrieben die Macher von EncroChat. Das Whatsapp für Gangster wurde als besonders sicheres Netzwerk beworben. Jetzt blieb den Betreibern nur noch ein Tipp: „Wir raten dazu, euer Gerät auszuschalten und physisch zu beseitigen.“

Französische und niederländische Ermittler hatten das verschlüsselte Chat-Netzwerk geknackt und live mitgelesen, wie Drogenbanden und Schwerverbrecher Deals und andere krummen Geschäfte planten. Es folgte eine Verhaftungswelle von riesigem Ausmaß, bei der die Ermittler in den Niederlanden auf eine Folterkammer in Containern stießen.

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Zu diesem Zeitpunkt saß die von Ermittlern „Mafia und Co. KG“ getaufte Gruppe bereits in U-Haft. Einer nannte sich Pablo in Anlehnung an Kolumbiens Drogenboss Pablo Escobar. Eine anderer hieß im Chat Diego Maradonna. Über 80 Mitglieder und Unterstützer der 'Ndrangheta hatten Ermittler aus den Niederlanden, Deutschland und Italien Anfang Dezember 2018 in der Operation Pollino hochgenommen.

Doch auch ihnen wurden die verschlüsselten Chats zum Verhängnis. Und zum Glücksfall für die Ermittler, die in Deutschland federführend von der Staatsanwaltschaft Duisburg und dem Bundeskriminalamt geleitet wurden.

Denn während die Mafia-Mitglieder sich strikt an die Omertà, das Mafia-Schweigegelübde, halten, sprechen ihre Krypto-Handys eine deutliche Sprache.

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Die Mafia operiert auch in NRW. Das ist spätestens seit den Duisburger Mafia-Morden 2007 jedem klar. Im Herbst startet in Düsseldorf eine der größten Mafia-Prozesse Deutschlands. Mitglieder der 'Ndrangheta sind wegen Kokainhandel im großen Stil angeklagt. Wie operiert die Mafia in NRW? Mit wem macht sie ihre Geschäfte? Und welche Rolle spielen Pizzerien und Eisdielen? In unserer Serie „Die Paten von Rhein und Ruhr - Die Mafia in NRW“ ist DER WESTEN-Reporter Marcel Storch auf Spurensuche gegangen.

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Es gebe zwar ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber Handys als Kommunikationsmittel, erklärt der Mafia-Experte Sandro Mattioli. Der Autor und Vorsitzender des Vereins „Mafia? NeinDanke!“ sagte im DER WESTEN-Interview: „Es ist schon so, dass der persönliche Kontakt in Italien allgemein viel zählt - nicht nur in Mafia-Kreisen. Es gibt Dinge, die man eben nicht am Telefon bespricht, sondern die persönlich besprochen werden.“

Auch die 'Ndrangheta-Mitglieder in NRW, die sich im Herbst vor dem Landgericht Duisburg verantworten müssen, reisten mitunter in ihre Heimat nach Kalabrien, um Geschäfte abzuwickeln und Drogen über die Alpen zu transportieren.

„Die Macht liegt in Kalabrien, nicht in Deutschland“, erklärt Mattioli. „Deshalb fahren Mitglieder der 'Ndrangheta auch ganz oft mal für ein Wochenende nach Kalabrien, besprechen dort irgendwelche Dinge und laden in ihren kleinen Lieferwagen drei Schinken und zehn Kilo Pasta rein, damit es nicht so auffällt.“

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Mafiosi wussten, dass sie beschattet werden

Aufgefallen war der „Mafia und Co. KG“ aber, dass die Drogenermittler ihnen auf die Spur gekommen waren und sie beschattet wurden. Doch ans Aufhören dachten sie nicht.

Die Ermittler entdeckten später auf einem der 108 sichergestellten Handys ein Selfie des mutmaßlichen Bosses des Drogenrings aus dem Rhein-Erft-Kreis, auf dem er vor einem Haus posierte, aus dem heraus er observiert wurde. Laut DER WESTEN-Informationen waren sich die mutmaßlichen Drogenhändler zunächst nicht sicher, ob sie oder eine Moschee nebenan im Fokus der Observation stand.

So oder so - die Bande wähnte sich offenbar in Sicherheit, machte weiter. Auch als sie eine Wanze an einem ihrer Autos entdeckten.

Denn neben dem Einsatz von Undercover-Ermittlern wurden bei der Operation Pollino auch 195 Telefone und vier Pkw überwacht.

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Bei den meisten der sichergestellten Handys fanden die Ermittler Verschlüsselungssoftware. IT-Experten des BKA gelang es, einen Teil der verschlüsselten Chats lesbar zu machen, bei anderen Handys bissen sie sich bislang die Zähne aus.

Automatische Löschfunktion bei Festnahme

Vor allem BlackBerry-Handys mit dem Verschlüsseldienst EncroChat nutzten die Verbrecher zur Kommunikation. EncroChat garantierten ihren Anwendern perfekte Anonymität und vollkommende Diskretion. Die Anbieter aus den Niederlanden hatten eine automatische Lösch-Funktion aller Nachrichten für den Fall einer Festnahme durch die Polizei entwickelt. Auch aus der Ferne konnte das Handy von einem Helpdesk direkt gelöscht werden.

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So funktioniert das WhatsApp der Verbrecher:

  • EncroChat „modifizierte“ Blackberrys und Android-Telefone, entfernte dazu Mikrofone, Kameras, GPS-Systeme und USB-Anschlüsse.
  • Die Kommunikation erfolgte mithilfe einer verschlüsselten Nachrichten-Software.
  • Zu einem Preis von rund 1.000 Euro verkaufte EncroChat seine Kryptotelefone.
  • Dazu boten sie Abonnements zu einem Preis von 1.500 Euro für einen Zeitraum von 6 Monaten mit 24/7-Support an.
  • Der Anbieter warb mit perfekter Anonymität und Diskretion.
  • Im Juni 2020 hatte der Anbieter 60.000 Nutzer, gegen 800 von ihnen gab es Festnahmen in ganz Europa
  • Ursprünglich soll EncroChat für Promis entwickelt worden sein, die fürchteten, dass ihre Kommunikation gehackt werde.
  • In den Niederlanden nahmen Ermittler 2016 die Firma Ennetcom hoch, 2017 folgte die Firma PDG Sure. Sie sollen Auftragskiller, Drogendealer und weitere Kriminelle beliefert haben.

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„Alles was dazu dient, eigene Kommunikation abhörsicher zu machen, ist für Kriminelle generell von Interesse“, erklärt LKA-Chefermittler Thomas Jungbluth. „Es gibt Softwareprodukte, die damit werben, dass sie abhörsicher sind, um so einen besonderen Kaufanreiz zu haben. Aber natürlich erfüllen viele Produkte nicht diese Voraussetzungen.“

Das mussten auch die mutmaßlichen Mafiosi letztlich feststellen.

 
 

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