Zwillinge auf den Spuren von Steffi Graf

Die Tenniszwillinge Tayisiya (weißes Shirt) und Jana Mordeger trainieren elf Mal pro Woche in Kamen.
Die Tenniszwillinge Tayisiya (weißes Shirt) und Jana Mordeger trainieren elf Mal pro Woche in Kamen.
Foto: WR
Tayisiya und Yana Morderger sind auf dem besten Weg zum Tennisprofi. Ihre Eltern stellen sich aufopferungsvoll in den Dienst der 14-jährigen Töchter.

Dortmund/Kamen.. Vater Vitali, 36, ein Diplom-Tennistrainer, fährt Lastwagen, um die Miete zu zahlen. Natürlich nur nachts, wenn seine Mädchen schlafen. Mutter Julia, 35, eine Diplom-Betriebswirtin, sammelt morgens wie abends die Bälle auf, die ihre Mädchen tausendfach am Tag übers Netz dreschen. Die sollen sich schließlich aufs Wesentliche konzentrieren können. Das Leben der Mordergers ist eine minutiös durchgeplante Investition. Eine Art Familienunternehmen, das zwar noch keine Gewinne erzielt, aber in dessen Mittelpunkt zwei der derzeit größten deutschen Tennistalente stehen: ihre Töchter, die eineiigen Zwillinge Tayisiya und Yana. Die eine Nummer eins in der deutschen Rangliste. Die andere amtierende deutsche Meisterin. Beide auf dem allerbesten Weg ins Profi-Geschäft.

Es ist kurz nach zehn Uhr morgens, ein Freitag. In den Schulen verteilen sie gerade die Zeugnisse, als die 14-jährigen Zwillinge aus Dortmund die neunte Trainingseinheit dieser Woche beginnen. Noch sind drei der vier Hallenplätze im Kamener Leistungszentrum frei – auch die Verbandselite drückt die Schulbank. Nicht so Yana und Tayisiya: Sie lernen an einer Privatschule, flexibel, ohne Anwesenheitspflicht. Dies ist nur ein Baustein eines Systems, das – wenn es funktioniert – in der Weltspitze enden soll. Ein ambitioniertes Ziel, das ihnen selbst ausgewiesene Experten zutrauen. Neulich spielten sie bei Heinz Günthardt, dem einstigen Steffi Graf-Trainer, in der Schweiz vor. Sein Urteil: Er habe in seiner gesamten Laufbahn noch nie bessere 14-jährige Tennisspielerinnen gesehen.

Besessenheit ist der Motor – Verbissenheit die Bremse! *

Das rote Hütchen an der Grundlinie ist das einzige, das an diesem Morgen stillsteht. Papa Vitali, als Junior selbst mal auf dem Sprung ins Millionengeschäft Tennis, spielt die Bälle im Drei-Sekunden-Takt zu. Yana und Tayisyia peitschen sie abwechselnd wie Kanonenkugeln zurück. Präzise, kraftvoll, es folgen schnelle Schritte ums rote Hütchen. Hunderte Male pro Tag, tausende Male pro Woche. Hier macht’s nicht „plopp“, hier macht’s „bumm“. Geredet wird wenig, gelacht selten, auf die Zähne gebissen – immer.

Die Anweisungen von Trainer Vitali sind ruhig. Diesmal. „Ich kann auch wie der Klopp explodieren“, sagt er und lacht. Seine Frau fügt hinzu: „Jetzt geht es nicht mehr nur um Spaß. Es ist auch ein Job.“ Später werden die sympathischen Talente einstimmig sagen: „Natürlich würden wir manchmal lieber ausschlafen, das passiert aber nur drei, vier Mal im Jahr. Selbst dann motivieren wir uns gegenseitig.“ In Sachen Disziplin geht Vater Vitali ja auch vorbildlich voran: Nachts bis zu zehn Stunden im 40-Tonner Geld verdienen, morgens zweieinhalb Stunden die Töchter trainieren, nachmittags fünf Stunden schlafen, abends wieder zwei Stunden die Töchter trainieren, spätabends zwei Stunden dösen. Und wieder alles auf Anfang. Täglich grüßt das Murmeltier. Wer behauptet, der Weg nach ganz oben sei ein Spaziergang, dem beweisen die Mordergers das Gegenteil.

Gibt es eine bessere Motivation als den Erfolg?

Die Hälfte dieses Weges hätten sie bereits hinter sich, schätzen die Zwillinge. Die Eltern nicken zustimmend. Einen Plan B gibt es nicht. Warum auch? Einen Masterplan, wann der Durchbruch gelingen soll, aber auch nicht. „Ich weiß ja nicht, was morgen passiert“, sagt Trainer Vitali. Er meint nicht die Pubertät, den ersten Freund, die erste durchzechte Nacht oder andere Unwägbarkeiten, die Mädchen in diesem Alter vom rechten Weg abbringen können. Er meint Verletzungen. Die eine klagte zuletzt über leichte Knie-, die andere über Rückenprobleme. Schuld sei das Wachstum, sagen die Ärzte. Verletzungen sind für das Familienunternehmen Morderger das, was Kurseinbrüche für Aktiengesellschaften sein können: unkalkulierbar, verlustreich, existenzbedrohend.

Man liebt das, wofür man sich müht, und man müht sich für das, was man liebt.

Vorbilder haben Tayisiya und ihre wenige Minuten ältere Schwester keine. Dabei lägen so viele nahe: die Williams-Schwestern – klar. Der geflochtene, blonde Zopf – erinnert an Anna Kournikowa. Die knallharte Vorhand, die beidhändige Rückhand – ähnelt dem Spielstil von Maria Sharapowa. „Die beiden wollen sie selbst sein“, sagt Frau Mama. Und mit dieser Einstellung feiern sie Triumph um Triumph. Beide spielen in der Westfalenliga für den Kamener Verein TC Methler – an Position eins und zwei, versteht sich. Sie haben schon Gegnerinnen geschlagen, die gar schon unter den Top 500 der Damen-Weltrangliste positioniert waren. Und spielen nun vom kommenden Freitag an für Deutschland um die Team-Europameisterschaft in Tschechien.

Mindestens so professionell wie ihre Einstellung auf dem Platz ist ihr Umfeld: Diverse Fitnessgeräte stehen daheim, ein Schlägervertrag ist längst abgeschlossen, eine eigene pinkfarbene Homepage eingerichtet. Selbst ein eigener Pressebeauftragter steht an ihrer Seite. Einzig ein Sponsor, der das finanzielle Risiko der Familie mindert, fehlt noch. Und die Eltern, die stellen sich ohnehin aufopferungsvoll in den Dienst der Töchter. „Eigentlich habe ich nicht sechs Jahre studiert, um nur Tennis-Mami zu sein“, seufzt Julia Morderger am Rande des Trainingsplatzes, um nur ein paar Augenblicke später zu sagen: „Um 19 Uhr haben WIR wieder Training.“


* Die Lieblingszitate der Zwillinge, die auch auf ihrer Homepage unter www.morderger.com nachzulesen sind.

 
 

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