Zahnspangen und Hodenprothesen fürs Pferd

Tierarzt David Lichtenberg (l) und Tierärztin Astrid Rijkenhuizen stehen am Dienstag in der Tierklinik Hochmoor während einer Eierstock-Operation an der Stute Aiyana neben dem Pferd. Die minimalinvasive Operation erfolgt am stehenden Tier unter lokaler Betäubung aufgrund eines Tumorbefalls.
Tierarzt David Lichtenberg (l) und Tierärztin Astrid Rijkenhuizen stehen am Dienstag in der Tierklinik Hochmoor während einer Eierstock-Operation an der Stute Aiyana neben dem Pferd. Die minimalinvasive Operation erfolgt am stehenden Tier unter lokaler Betäubung aufgrund eines Tumorbefalls.
Foto: WAZ FotoPool
Wer hier antrabt, den plagt mehr als nur Husten, Schnupfen, Heiserkeit. Pferde, die hier hin müssen, brauchen Zahnspangen, Gelenkspiegelungen oder einen Kaiserschnitt. Zu Besuch in der Pferdeklinik Gescher-Hochmoor.

Gescher.. Sie verpassen Ponys Zahnspangen, bieten Gelenkspiegelungen für kranke Springpferde an und wenn es sein muss, setzen sie bei trächtigen Stuten den Kaiserschnitt: die Tierärzte der Pferdeklinik Hochmoor arbeiten 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr. Der Alltag in der Klinik, er gleicht in vielen Punkten dem in humanmedizinischen Krankenhäusern. In manchen aber auch gar nicht.

Aiyana wird gleich kastriert. Die zehnjährige Stute aus Lünen steht in der Box, ihr Schwanz ist bandagiert. Eine Helferin hat ihr die Haare am Becken rasiert und die kahlen Stellen mit Seifenwasser und Jod behandelt. Sie greift mit einem beherzten Griff von hinten ins Pferd, um ihren Mastdarm auszuräumen. Die Beruhigungsspritze, die ihr zuvor gegeben wurde, scheint zu wirken: Stoisch lässt Aiyana die Prozedur über sich ergehen.

Patienten aus ganz Deutschland

Zwischen ein- und zweitausend Euro netto zahlen ihre Besitzer für die Operation, bei der der Stute beide Eierstöcke bei lokaler Betäubung im Stehen entfernt werden. „An einem Eierstock hat sich ein Tumor gebildet, der müsste sowieso entfernt werden“, erklärt Oberarzt David Lichtenberg. Er steht in einem blauen Arztkittel, Mundschutz und Handschuhen vor dem Tier. Etwa eineinhalb Stunden wird die minimal-invasive Operation dauern, bei der sich neben dem Arzt noch Professorin Astrid Rijkenhuizen und drei Helferinnen um das Tier kümmern.

Die vierbeinigen Patienten, sie kommen aus ganz Deutschland in die Pferdeklinik Hochmoor. „Die meisten werden von den Tierärzten vor Ort zu uns überwiesen. Das sind kompliziertere Fälle – für Husten, Schnupfen, Heiserkeit sind wir nicht zuständig“, sagt Lichtenberg. In den Boxen der Klinik wird das Pony eines Mädchens, das am Auge operiert werden musste, genauso betreut wie das 200 000 Euro teure Dressurpferd, das wegen Darmverschlingungen unters Messer musste. „Wenn das Tier hier ankommt, geht es nicht darum, was es wert ist. Die Frage lautet immer: Kann man das Tier mit angemessenem Aufwand retten?“, sagt Lichtenberg.

Dabei ist die Grenze manchmal durchaus fließend. Muss einem Pferd das Auge entfernt werden, kann sich der Besitzer zwischen drei Varianten entscheiden: Das Auge zu entfernen kostet 800 Euro. Das Auge zu entfernen und ein Silikon-Implantat einzusetzen, damit die Gesichtshälfte nicht so stark einfällt, kostet 2500 Euro. Und wer die höchste Stufe der kosmetischen Vertuschung wählt, zahlt 6000 Euro. Dafür wird die Hornhaut erhalten und ein bemaltes Auge oder eine farbige Kontaktlinse eingesetzt.

Wie in der Humanmedizin gibt es Grenzfälle, über die David Lichtenberg nachdenkt und mit Kollegen berät, bevor er entscheidet.

Die kürzlich an ihn gerichtete Bitte eines Hengstbesitzers gehört dazu. Der Mann wünscht sich, dass seinem Hengst nach der nötigen Kastration ein Hoden-Implantat eingesetzt wird, damit er bei zukünftigen Zuchtshows weiterhin als Deckhengst wahrgenommen wird. „Der Besitzer hat Unmengen Samen des Tieres einfrieren lassen“, erklärt Lichtenberg, der mit seiner Kollegin darüber diskutiert, ob das Betrug ist.

Eindeutig ablehnen würde der Tierarzt die Bitte eines geplanten Kaiserschnittes bei Stuten. „Es gibt ganz klare Unterschiede und Grenzen zwischen dem, was bei Menschen und dem, was bei Tieren angeraten ist. Ein Kaiserschnitt bei einer Stute ist hochgradig gefährlich. Das macht man nur, wenn die Geburt schon in Gang ist und das Tier es alleine nicht schafft.“

Sterbehilfe gestattet

Lichtenberg geht durch die Boxengasse. Vorbei an einer Frau, die weinend ihren Kopf in das Fell ihres Tieres gräbt. Es wurde wegen schwerer Koliken operiert. „Wir mussten mehrere Meter Darm entfernen, es sieht leider nicht gut aus“, sagt der 30-Jährige. Wenn sich der Zustand des Tieres in den nächsten Stunden nicht bessert, wird er es einschläfern müssen. „Das unterscheidet uns deutlich von den Kollegen in humanmedizinischen Häusern. Denen ist Sterbehilfe nicht gestattet, bei uns gehört sie dazu, um den Tieren unnötiges Leid zu ersparen.“

Am Ende des Tages wird Lichtenberg den Schmerzen des Tieres tatsächlich ein Ende setzen. Er sagt, dass er das als Teil seiner Arbeit begreife. Als Hilfe. Genau wie die Zahnspange, die er dem Hengst baute, der den Kiefer gebrochen hatte. Genau wie die Bandagen, die er Pferden mit Frakturen anlegt, nachdem er sie operiert hat. Genau wie der Eingriff bei Aiyana. Die tritt nach vier Tagen in der Klinik fröhlich wiehernd mit ihren Besitzern den Rückweg an.

 
 

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