Wissenschaft auf neuen Wegen

Professor Keppel Hesselink preist die Wirkung von „Normast“ auf der Internetplattform Youtube. Bildschirmfoto: Klaus Kukuk
Professor Keppel Hesselink preist die Wirkung von „Normast“ auf der Internetplattform Youtube. Bildschirmfoto: Klaus Kukuk
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Ein Forscher der Privatuni Witten/Herdecke geht neue Wege bei wissenschaftlichen Standards. Er nutzt alle Verbreitungskanäle des Internets.

Witten/Herdecke..  Die private Universität Witten/Herdecke sieht sich seit ihrer Gründung 1982 in einer Vorreiterrolle in der deutschen Bildungslandschaft. Ironisch könnte man 30 Jahre später anmerken: auch bei der Aufweichung wissenschaftlicher Standards? Ein Forscher der Uni bedient sich ungeniert aller Verbreitungskanäle des Internets. Ein Einzelfall, der Fragen aufwirft, ein Stück aus dem „Betrieb“ Wissenschaft.

Der Fall

Anfang März verbreitet die Universität eine Meldung über die Entdeckung der schmerzreduzierenden Eigenschaft des körpereigenen Stoffes Palmitoylethanolamide, kurz PEA genannt: „Wittener Forscher informiert über neues Schmerzmittel“. Ein „Meilenstein der modernen Schmerzmedizin“, schreibt Jan M. Keppel Hesselink, Professor vom Lehrstuhl für Pharmakologie und Toxikologie, da nebenwirkungsfrei und kombinierbar mit anderen Schmerzmitteln. Weil der Körper nicht genug von der Fettsäure produziere, müsse sie von außen zugeführt werden. Der Niederländer hat rund 40 kleinere Studien zu dem Wirkstoff ausgewertet.

Ungewöhnlich für eine wissenschaftliche Arbeitsweise: Sie wird begleitet im Internet von unterschiedlichen Videos in anonymen Medizinblogs und auf youtube. Darin führt Jan Keppel Hesselink Patienten mit den unterschiedlichsten Schmerzen vor. Das neue Mittel, loben sie, habe ihnen geholfen. Nur heißt es hier „Normast“. Es ist ein Nahrungsergänzungsmittel, kostet zwischen 25 und 30 Euro und wird über einen niederländischen Internethandel vertrieben. Laut der Videos hilft „Normast“ gegen ziemlich alles, was wehtut: neuropathische (durch Nervenerkrankung bedingte) Schmerzen, Diabetes, Dekubitus, Bandscheibe, Angina pectoris, bei Chemotherapie, Fibromyalgie und bei Vaginalschmerzen. Es ist schon ungewöhnlich, dass sich ein Wissenschaftler für ein Handelsprodukt so ins Zeug wirft.

Der Forscher

Jan Keppel Hesselink, der mit Kollegen in den Niederlanden das Behandelcentrum Neuropathische Pijn betreibt und auch PEA-haltige Cremes entwickelt, verteidigt seine Informationspolitik. „Wir vertreten die Ansicht, dass der Patient ein Recht auf nebenwirkungsfreie Schmerzmittel hat.“ Die Videoplattform youtube sei ein „neuer Weg, Patienten ihre Geschichte direkt schildern zu lassen und neue Fälle zu sammeln“ und Teil eines Bildes einer personalisierten Medizin.

Das Internet

Wissenschaftler veröffentlichen ihre Erkenntnisse für gewöhnlich in renommierten Fachzeitschriften wie New England Journal of Medicine, Lancet oder Science.

Der Haken: Die Messlatte liegt hoch, die Zugänglichkeit der Artikel außerhalb der wissenschaftlichen Gemeinde ist sehr gering. Deshalb hat Jan Keppel Hesselink seine PEA-Studie im Open Pain Journal veröffentlicht, einem sogenannten Open Access Journal im Internet.

„Heute gibt es andere Methoden der Verbreitung von Wissen“, sagt der Wissenschaftsjournalist Prof. Holger Wormer von der TU Dortmund. Open Access Journals sind nichts andere als Fachzeitschriften im Netz und „funktionieren so wie normale Fachzeitschriften mit gegenseitiger Begutachtung (peer review) der Beiträge.“ Vorteil: Das Wissen schnell und für jedermann zugänglich. Wormer warnt aber vor der Unübersichtlichkeit und der Qualität der Journale mit wenigen Beiträgen. „Sie besitzen keine wissenschaftliche Reputation.“ Deutlicher sagt es Oliver Obst, Bibliothekar an der Uni Münster: „Open Access steht in der Kritik, weil Geld fließt, das heißt: Sie kaufen sich als Autor ein.“ Meist fließen 1000 bis 2000 Euro pro Beitrag an den Herausgeber des Journals. Das Open-Pain-Journal, in dem neben Hesselinks Studie 2012 nur ein weiterer Beitrag erschien, hält er für „etwas ganz, ganz Graues.“

Für Jan Keppel Hesselink liegen diese Internet-Journale im Trend: „Sie ermöglichen es Wissenschaftlern, Ärzten UND Patienten, diese Artikel lesen zu können, ohne 30 bis 80 Euro dafür zu bezahlen.“

Die Kritiker

In den Niederlanden kritisieren die Betreiber der Internetseite gegen Quacksalberei Hesselink wegen seiner Methoden. Prof. Rien Vermeulen, Neurologe an der Amsterdamer Uniklinik AMC, hat die Gesundheitsaufsicht des Landes über die Normast-Aktivitäten Hesselinks informiert. „Normalerweise interessiert es sie nicht, wenn kein Todesfall vorliegt. Aber in diesem Fall wollen sie nachhaken“, sagt er. Über Normast, ergänzt Vermeulen, habe Hesselink nie in einem peer-reviewed-Journal publiziert. Es gebe auch keine medizinischen Studien über die Auswirkung von Normast an Schmerzpatienten.

Die WR bat Prof. Dr. Matthias Karst, Leiter der Schmerzambulanz der Medizinischen Hochschule Hannover, um eine Einschätzung von PEA. Der Wirkstoff ist schon seit den 50-er Jahren des vorigen Jahrhunderts bekannt, sagt er. „Seit längerem existiert PEA im Ausland als Nahrungsergänzungsmittel, wobei der Substanz vor allem entzündungshemmende und analgetische (schmerzlindernde - d. Red.) Effekte zugeschrieben werden.“

Die Schmerztherapie

Das Prinzip weise insgesamt in eine gute Richtung. „Aus wissenschaftlicher Sicht liegen bislang aber keine zufriedenstellende Informationen vor, in wie weit die Effekte tatsächlich auf den Wirkstoff selbst zurückgeführt werden können. Unklar ist insbesondere, wie PEA in den Organismus gelangt und wie dann dort sein weiteres ,Schicksal’ ist“, sagt Professor Karst.

Für weitere Informationen über PEA verweist Matthias Karst, mit der Bemerkung, es bestünden dort möglicherweise auch wirtschaftliche Interessen, auf die Seite www.neuropathie.nu. Es ist die Internet-Adresse von Hesselinks Institut.

Professor Jan Keppel Hesselink selbst bestreitet jegliche wirtschaftliche Verbindung zum Hersteller des Mittels Normast und betont gegenüber der WR: „Ich bin ein unabhängiger Mediziner.“

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