Wenn zwei sich streiten

Von Dennis Betzholz
Mediatorin Sabine Felis-Filbry beobachtet ein streitendes Paar.
Mediatorin Sabine Felis-Filbry beobachtet ein streitendes Paar.
Foto: WAZ Fotopool
Streit kommt in den besten Familien vor. Gerade dann, wenn es ums Erbe geht. Doch nur die wenigsten suchen sich im Ernstfall Hilfe von außen. Dabei kann ein Streitschlichter, eine so genannte Mediatorin, Wunder bewirken

Dortmund.  Sie kamen, als die Familie fast zerbrochen war. Das Haus, für das sich Heiner und Erika Lindemann* all die Jahre so krumm gelegt hatten, enttarnte sich nun an ihrem Lebensabend als Fluch. Wer soll es erben? Und wie, um Himmels Willen, teilt man Backsteine gerecht durch Zwei?

Ihre Antwort, die sie noch zu Lebzeiten geben wollten, passte einem der beiden Söhne überhaupt nicht: Die Brüder redeten nicht mehr miteinander, der Vater kochte vor Wut, die Mutter litt. Irgendwann, als der Konflikt sie fast zermürbt hatte, kamen sie zu Sabine Felis-Filbry. Gleich beim ersten Treffen fragte die Mediatorin aus Dortmund die Vier, welche Lösung sie sich für das Problem selbst vorstellen könnten – und zuckte bei den Antworten zusammen: „Verbrennen oder verschenken – Hauptsache: Das Haus belastet nicht weiterhin unsere Familie.“

Krisensicherer Job

Der Streit ist ihr Job, die Familie ihr Tatort. Streitschlichterin könnte man sie nennen, doch das würde Sabine Felis-Filbry, eine Rechtsanwältin mit Schwerpunkt Mediation, nicht gerecht werden. Sie weicht verhärtete Fronten auf, bringt Familien wieder zusammen, die sich nicht nur in Gedanken so weit voneinander entfernt haben. „Manche ertragen es nicht einmal, mit dem anderen in einem Raum zu sitzen“, sagt Felis-Filbry.

Ob in Erbfragen, im Beziehungs-Zwist oder bei Familienstreitigkeiten – ihr Job ist, wenn man das in diesem Fall so sagen kann, krisensicher. Gestritten wird immer. Laut einer Emnid-Umfrage endet in Deutschland jeder vierte Erbfall im Streit. Ganz zu schweigen von Familien, in denen das Blut längst nicht mehr dicker ist als Wasser.

„Familie erfordert viel Toleranz“, sagt die Expertin. Und diese Toleranz wird in Zeiten von Patchwork-Familien, Zweit- und Drittehen oder nicht-ehelichen Lebensgemeinschaften immer härter auf die Probe gestellt. Gerade dann, wenn es um den Nachlass geht. „Meist ist aber das Haus nur ein Symbol für die Auseinandersetzung. Oft liegt dem Existenzangst oder das Gefühl entgangener Liebe zugrunde“, weiß Felis-Filbry.

Streit wird weitervererbt

Der Begriff Mediation ist zwar nicht geschützt, aber seit einem Jahr immerhin in einem Gesetz definiert – „jeder, der vorher ein Wochenend-Seminar absolviert hat, konnte sich so nennen“, erzählt die Dortmunderin, selbst Mediatorin der ersten Stunde. Das hat sich geändert. Vor 13 Jahren ließ sich Felis-Filbry an der Fern-Uni Hagen zur Mediatorin ausbilden und war somit eine der ersten in Nordrhein-Westfalen. Mittlerweile gibt es nach Schätzungen des Verbandes Mediation bundesweit um die 50 000 ausgebildete Streitschlichter.

„Familien zerbrechen und vererben den Streit meistens weiter. Oft sträubt sich nur eine Streitpartei vor der Mediation – aber das genügt ja schon“, sagt sie. Manche verweigern sich aus Scham, ihre intimsten Probleme vor einer Fremden zu diskutieren, andere empfinden die Not noch nicht als zu groß. Dabei würde sich schon in der ersten Sitzung etwas bewegen: „Weil sie eine Einstellung, einen Wunsch oder eine Angst erfahren, die sie vorher von dem anderen nicht wussten.“

Zu spät sei es im Übrigen nie, zu einem Streitschlichter zu gehen. „Wenn die Zerstrittenen konfliktmüde werden, ist es sogar erst der ideale Zeitpunkt“, sagt sie. Das kann durchaus einige Jahre dauern. In einem Fall waren es sogar 15 Jahre, in denen sich zwei Geschwister gegenseitig bekämpft haben – bis sie bei Felis-Filbry landeten. Es endete in dem Satz: „Wir vertragen uns wieder.“ Wie übrigens auch der zu Beginn geschilderte Fall: Das Haus wurde weder verbrannt noch verschenkt – die Familie einigte sich.

Hoffnungslose Fälle gibt es auch

Gibt es auch hoffnungslose Fälle? „Oh ja. Meine Erfolgsquote liegt etwa bei 80 Prozent. Aber es gibt eben Menschen, die brauchen in ihrem Leben Streit“, sagt die Mediatorin und weiß auch warum: „Wenn ich mir in einer Ehe oder Beziehung wenig zu sagen habe, habe ich so ein Gesprächsthema, das sogar zusammenschweißt. Früher wurden Kriege oft nach außen geführt, wenn es innenpolitische Probleme gab.“

Ach ja: Ein Artikel über Streit darf natürlich nie ohne die Sache mit dem Nachbarn enden. Auch die zoffen sich regelmäßig vor der Dortmunderin. „Die sind die Pflegeleichtesten. Erfolgschance: 90 Prozent“, sagt sie. Pflegeleicht? Aber wer will da schon widersprechen? Man will ja nicht streiten.* Name geändert