Wenn kleine Kinder ihre Eltern pflegen

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Witten..  Über zwei Drittel der 2,5 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland werden zu Hause betreut – meist von den eigenen Kindern. Oft sind diese auch nicht mehr ganz jung. Aber in besonders dramatischen Fällen sind sie es eben doch: Kinder im Grundschulalter, Jugendliche in der Pubertät, die ihre Eltern pflegen, trösten, umsorgen. Darüber, wie viele es sind, gibt es in Deutschland keine Erhebungen. Österreich dagegen hat jetzt eine Zahl ermittelt: 42 700 Kinder und Jugendliche in unserem Nachbarland pflegen ihre Angehörigen. Sabine Metzing, Juniorprofessorin an der Uni Witten/Herdecke, hat zu dem Thema promoviert und weiß, welchen Belastungen die Kinder ausgesetzt sind.

Wäre eine Erhebung wie in Österreich auch bei uns sinnvoll?

Metzing: Ich habe mich damals gegen eine Prävalenzerhebung entschieden. Denn am Ende hätte man nur eine Zahl gehabt, zum Beispiel 3,5 Prozent Betroffene. So what? Damit ist den 3,5 Prozent noch lang nicht geholfen. Außerdem ist es methodisch schwierig, so eine Studie durchzuführen, da sie auf reiner Selbstauskunft basiert. Man kann davon ausgehen, dass viele Betroffene aus Angst vor Konsequenzen die Frage, ob sie Angehörige pflegen, verneinen würden.

In Ihrem Buch beschreiben Sie, dass viele Familien aus Angst, das Jugendamt würde die Kinder ins Heim stecken, schweigen statt um Hilfe zu bitten. Berechtigt?

Das ist sehr vom jeweiligen Sachbearbeiter abhängig. Ich habe sowohl Familien kennengelernt, wo das Amt eine Kindswohlgefährdung gesehen und die Kinder in Pflegefamilien gebracht hat, als auch solche, in denen sehr gut geholfen wurde. Entscheidend ist aber, dass diese Angst existiert und darauf eingegangen werden muss.

Aus welchen Gründen schweigen Kinder noch über ihre Situation?

Gleichaltrige können sie eh nicht verstehen, glauben sie. Oft sind die Kinder kranker oder behinderter Eltern Hänseleien ausgesetzt oder sie möchten die Intimsphäre der Eltern wahren. Dabei würden sie gerne reden. Alle Befragten, sowohl Kinder als auch Eltern, wünschen sich, mit jemanden außerhalb der Familie sprechen zu können. Die Kinder machen sich kontinuierlich Sorgen um die Eltern und die als Verursacher dieser Sorgen sind natürlich nicht die richtigen Ansprechpartner, um darüber zu reden. Lieber vermeiden die Kinder, ihren Eltern zusätzlichen Kummer zu machen und verschweigen ihre Ängste. Andersherum verneinen viele Eltern ihre Krankheit, so als sei sie nicht da, wenn man sie totschweigt. Sie tun das, um ihre Kinder zu schützen. Dabei weiß ich aus meiner Arbeit mit ehemaligen pflegenden Kindern, die jetzt erwachsen sind, dass ein offener Umgang mit der Krankheit ihnen sehr geholfen hat.

Welche Aufgaben übernehmen die Kinder?

Das geht von Hilfen im Haushalt über das Betreuen kleinerer Geschwister bis zur Rund-um-Pflege der Eltern mit anziehen, duschen, wickeln und Hilfe beim Kathetern. Besonders bei alleinerziehenden pflegebedürftigen Müttern. Häufig nehmen chronische Krankheiten einen schleichenden Verlauf und machen immer mehr Mithilfe der Kinder nötig. Die nehmen das oft nicht wahr und wollen „der Mama helfen“. Kurz gesagt: Die Kinder füllen die entstehenden Lücken und stehen stets in Bereitschaft.

Welchen Belastungen sind sie ausgesetzt?

Oft sind sie sozial isoliert, haben kaum Freunde, gehen in keine Vereine, selten raus zum Spielen. Sie haben schlicht keine Kindheit. Außerdem plagen sie Verlustängste. Kleine Kinder glauben, sie sind schuld, wenn es den Eltern schlechter geht. Pubertierende sorgen sich, sie könnten die Krankheit geerbt haben. Häufig verringern sich ihre Bildungschancen, was für das Erwachsenenleben auch wirtschaftliche Folgen haben kann.

Was hat Sie bei Ihrer Recherche am meisten beeindruckt?

Die große Selbstverständlichkeit, mit der die Kinder ihren Eltern helfen. Die Frage, wieso sie das tun, verstehen sie nicht. Sie halten das für völlig normal. Das hat mich sehr berührt. Und keines der Kinder, selbst unter den sehr stark belasteten, fühlt sich so. Das Bewusstsein der Belastung kommt erst im Erwachsenenalter. Oft brauchen sie dann eine Psychotherapie. Aber die Kinder ziehen auch Positives aus ihrem Alltag: Sie entwickeln früh eine große Reife und Selbstständigkeit, einen tiefen Familiensinn, große Empathie und eine entspanntere Haltung zum Leben.

Was brauchen die Familien vor allem?

Sie wünschen sich flexible, wohnortnahe Alltagshilfen, wenn es mal brennt. Eine Telefonnummer, bei der man in einer Krise anrufen kann und dass dann jemand kommt, der die Kinder zur Schule bringt, einkauft, kocht, eben die Normalität aufrechterhält. Wir brauchen dringend eine regelfinanzierte und nicht auf Spenden oder Stiftungsgelder angewiesene Stelle, die die gesamte Familie im Blick hat, sich verantwortlich fühlt und sich kein Kompetenzgerangel liefert, wie wir es zwischen Jugendämtern, Pflege- und Krankenkassen beobachten. Es muss auch nicht immer alles neu erfunden werden, man könnte bestehende Strukturen nutzen wie etwa die Pflegestützpunkte oder den Kinderschutzbund, um diese familienorientierten, wohnortnahen Hilfen einzurichten.

 
 

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