Von der Fehlersuche zur Schatzsuche

Familie Busch aus Iserlohn kämpfte erfolgreich für die Inklusion ihres Sohnes Julius (l.), der jetzt in seiner Wunsch-Schule bleiben darf. Im Bild Sonja (40) und Norbert Busch (46) mit Maximilian (11), seinem jüngeren Bruder Julius (7) und Familienhund Luzie. Fotos: Guido Raith
Familie Busch aus Iserlohn kämpfte erfolgreich für die Inklusion ihres Sohnes Julius (l.), der jetzt in seiner Wunsch-Schule bleiben darf. Im Bild Sonja (40) und Norbert Busch (46) mit Maximilian (11), seinem jüngeren Bruder Julius (7) und Familienhund Luzie. Fotos: Guido Raith
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Die „Inklusion“ will das Land NRW weiter vorantreiben. Vor Ort kämpfen schon jetzt viele Eltern für das gemeinsame Lernen von behinderten und nicht behinderten Kindern - und gegen die Hürden in den Köpfen, in den Schulen und den Behörden.

Iserlohn/Dortmund.. Es war eigentlich nichts Besonderes, was Julius sich gewünscht hatte. Und irgendwie selbstverständlich für einen Sechsjährigen, der einen großen Bruder hat. Und der einfach nur auf die selbe Grundschule in Iserlohn gehen wollte wie der vier Jahre ältere Maximilian. Doch um ihm diesen Wunsch erfüllen zu können, mussten seine Eltern wochenlang kämpfen. Zum Schluss sogar mit einer Klage gegen das Schulamt. Denn Julius ist Autist. Und das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderungen ist in diesem Land zwar das Ziel - aber längst noch nicht der Normalfall. Das haben Sonja und Norbert Busch inzwischen gelernt, seit sie sich mit dem Thema „Inklusion“ intensiv beschäftigen - und seitdem sie viele andere betroffene Eltern kennengelernt haben.

Mütter wie Melanie Heine (37) etwa, Gründerin der Selbsthilfegruppe Autismus in Schwerte. „Das Traurige ist, dass wir immer kämpfen müssen um etwas, was doch selbstverständlich sein sollten“, sagt die Mutter eines neunjährigen Sohnes. „Und ich habe viele Eltern, die sind am Ende. Die können einfach nicht mehr.“

Weil sie abgestempelt werden, weil Schulen versuchen, die Kinder abzuwimmeln, weil sie bei Behörden hin- und her geschickt t werden, weil sie ständig Anträge stellen und Gutachten anfertigen lassen müssen, weil sie auf den Ämtern um Therapieplätze und Wochenstunden für individuelle Förderung „betteln“ müssen und bei der Suche nach qualifizierten Integrationskräften monatelang hingehalten werden. Und weil sie bei der Schul-Anmeldung ihrer autistischen Kinder von Direktoren dann noch Sätze hören wie: „Natürlich darf ihr Sohn zu uns kommen. Kein Problem – wenn er die Leistung bringt.“

Normierungs- und Standardisierungstendenzen

Genau dieses Denken, diese „Normierungs- und Standardisierungstendenzen“ in der Schule, sind das Problem, meint Klaus Stinn. Der 67-Jährige ist nicht nur Mitglied der Lenkungsgruppe des Bildungsforums Iserlohn, sondern auch pensionierter Lehrer, der viele Schulformen als Pädagoge selbst miterlebt hat. „Dort hat man gelernt, einen defizitären Blick auf das Kind zu haben. Aber das ist falsch. Wir müssen sehen, wo sind die Kompetenzen, um diese dann auch fördern zu können. Wir müssen weg von einer Fehlersuche zur Schatzsuche.“

Doch es gibt auch positive Beispiele. „Ich bin froh, dass ich sagen kann, bei uns ist es gut gelaufen“, sagt Tina Schulte (42), Mutter des elfjährigen Paul mit Asperger-Autismus, der in der fünften Klasse die Gesamtschule Iserlohn besucht.

Aber sie weiß auch, dass sie die Ausnahme ist: „Ich habe einfach Glück mit der Schule gehabt und mit den Lehrern.“ Und auch mit den anderen Schülern und Eltern: „Erst hatte ich große Angst, dass meinem Sohn der Stempel aufgedrückt wird, wenn er da mit einer Integrationskraft auftaucht.“ Doch ihre Sorgen hätten sich als unbegründet erwiesen.

Tolle Beispiele für Integration

Auch Melanie Heine hat für ihren Sohn nach mehreren Versuchen endlich die richtige Schule gefunden: Seit Februar geht er zur Grundschule Villigst, wo insgesamt fünf Kinder mit einer autistischen Störung sind – und sowohl von den Mitschülern als auch den Lehrkräften „positiv aufgenommen“ werden. „Diese Schule ist ein tolles Beispiel für Inklusion“, sagt die Mutter.

Und auch die Grundschule in Iserlohn-Sümmern geht bei diesem Thema nun mit positivem Beispiel voran. Nachdem das Schulamt des Märkischen Kreises zunächst verfügt hatte, dass das Kind wegen eines nicht zu deckenden sonderpädagogischen Förderbedarfs die Schule nach einem halben Jahr verlassen sollte und die Eltern dagegen geklagt hatten, wurde nun eine einvernehmliche Lösung gefunden: Julius darf bleiben.

„Der SPD-Landtagsabgeordnete Michael Scheffler war dabei eine große Hilfe für uns“, sagt Sonja Busch. Er habe hinter den Kulissen mit der Bezirksregierung Arnsberg und dem Landrat in Lüdenscheid gesprochen und auf Umsetzung der Inklusion mit Blick auf Julius gedrängt. Und auch die anderen Müttern und Väter der Klasse hatten den Kampf der Familie unterstützt. „Das hat uns getragen, die ganze Zeit durch“, sagt Sonja Busch. In einer Unterschriftenaktion hatten die Eltern der Klasse 1b geschrieben: „Wir sehen in Julius und seiner Integrationskraft eine Bereicherung für die gesamte Klasse. Ein Wechsel von Julius wird von uns als Rückschritt für die ‘gelebte Integration’ gesehen.“

Integrationskraft Krystyna Gobel (29), die im Unterricht täglich an der Seite des Jungen ist, formuliert ihre Erfahrungen aus der Klasse so, wie man das Ziel der Inklusion nicht besser beschreiben könnte. „Julius gehört dazu“, sagt sie. „Zu 100 Prozent.“

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