Urban Gardening in Dortmund - Nutzgarten am Straßenrand

Lecker und Knackig: In der Dortmunder Oase an der Rheinischen Straße erntet Matou gemeinsam mit seiner Mutter Julia Brelinger und seiner Schwester Maja die ersten Radieschen.
Lecker und Knackig: In der Dortmunder Oase an der Rheinischen Straße erntet Matou gemeinsam mit seiner Mutter Julia Brelinger und seiner Schwester Maja die ersten Radieschen.
Foto: Ralf Rottmann
An einer vielbefahrenen Straße in Dortmund gedeiht einen Sommer lang ein mobiler Nutzgarten - Auf engem Raum wachsen Radieschen und Kartoffeln - Urbanes Gärtnern liegt im Trend. Weltweit greifen Stadtmenschen zu Schaufel und Saatgut.

Dortmund.. Der viele Regen der letzten Wochen hat dem jungen Gemüse gut getan. Mit einem behutsamen Ruck ziehen Mitmach-Gärtner Holger Kanschik und sein kleiner Helfer Matou (3) Radieschen aus dem Boden. Kurz die Erde am Hosenbein abgestrichen und in die rote Wurzel gebissen: Lecker, knackig und mit milder Schärfe.

Die Radieschen sprießen nicht irgendwo, sondern mit direktem Blick auf die vorbeiratternde Straßenbahn. Das Dortmunder Viertel an der Rheinischen Straße ist nicht gerade das, was man sich unter einem innerstädtischen Paradies vorstellt: Hier bahnen sich große Verkehrsadern den Weg, viel Asphalt, viele ergraute Häuserfassaden. Die Stadt kämpft gegen Leerstände, will das vernachlässigte Viertel aufwerten.

Stadtverschönerer und Umweltbildner

Darum geht es auch den Gärtnern in der „Dortmunder Oase“. Auf einer kleinen Rasenfläche vor einem Containerbau, der ein berufliches Trainingszentrum beheimatet, direkt an der vielbefahrenen Rheinischen Straße gedeiht einen Sommer lang ein mobiler Garten. In Substratsäcken und Plastikkisten wachsen Kartoffeln, Salat, Möhren und mehr.

Heute sind Holger Kanschik, Julia und François Brelinger mit ihren drei Kindern zur Gartenarbeit gekommen. Eifrig säen sie, naschen zwischendurch junge Spinatblätter und freuen sich auf die Ernte. „Die Kohlrabi sind doch wohl der Hammer“ – faustgroße Knollen recken sich über den Rand der roten Kiste. „Eine Woche gebe ich ihnen noch. Dann sind sie perfekt“, sagt François Brelinger. Gemeinsam mit seinen Mitstreitern vom Dortmunder Stadtverschönerer-Netzwerk „die Urbanisten“ und finanzieller Unterstützung des Quartiersmanagements hat der Biogärtner und Umweltbildner sich vorgenommen, das Viertel zu beleben – und dafür zu sorgen, dass die weltweit boomende Bewegung des urbanen Gärtnerns auch in Dortmund Wurzeln schlägt.

Jeder kann mitgärtnern

Weltweit greifen immer mehr Stadtmenschen zu Schaufel und Saatgut, um inmitten von Häuserzeilen und Hauptverkehrsstraßen Nutzgärten entstehen zu lassen: Mit Gemüse bepflanzte Dachgärten in New York, blühende Brachflächen in Berlin, ein paar Quadratmeter-Land am Stadtrand, die der Stadtmensch eine Saison lang beackern kann.

Das Prinzip: Jeder kann sich einbringen, auch bei der Dortmunder Oase. „Das Gemüse gehört dem Garten und der Garten gehört allen“, heißt das Motto. Und damit meint Brelinger die Viertelbewohner, die zwar neugierig über den Zaun gucken, aber meist noch zögern, sich zu beteiligen. Aber: Eine Dame hätte einen Kasten Blumen gespendet, ein anderer Tomatensetzlinge. In Workshops können Kindergartengruppen den mobilen Garten wachsen lassen. „Ich will, dass Kinder in unseren Städten wieder wissen, was ein Regenwurm ist“ – schließlich habe er in der Gartenarbeit mit Jugendlichen festgestellt, dass es junge Menschen gebe, die Gewachsenes aus der Erde manchmal „widerlich“ fänden.

Ohne viel Erde und Aufwand

Die Botschaft des Kistengartens lautet auch: Viel Erde und Aufwand braucht es nicht, um sein eigenes Gemüse anzubauen. „Sich selbst ernähren. Unsere Eltern wussten noch wie das geht. Wir müssen es wieder lernen“ , sagt Holger Kanschik, der mitarbeitet so oft er kann. Man müsse sich unabhängig machen, vom Öl und den großen Kreisläufen. Mitmachgärten sind gelebte Nachhaltigkeit, findet der 29-jährige Raumplaner.

Der mobile Garten soll erst der Anfang sein: Die Gärtner wollen möglichst bald ein festes Stück Land beackern. „Wir träumen davon, dass wir auf dem Brachland am Dortmunder U eine Fläche bekommen“, sagt Brelinger. Die Anfragen laufen. Ob der Garten schon bald eine feste Heimat findet, ist noch ungewiss.

Trend wird Gärten hinterlassen

Fest steht, dass die Idee des Gärtnerns in der Stadt ähnlich schnell wächst, wie die Tomatentriebe in der Oase. „Auf einmal wollen alle urbane Gärten gründen“, sagt Brelinger. Etliche Anfragen, entsprechende Projekte zu begleiten, habe er schon erhalten. Sorgen, dass ‘Urban Gardening’, wie es aufgrund seiner US-amerikanischen Entstehungsgeschichte auch genannt wird, doch nur Modeerscheinung sein könnte, hat Brelinger nicht: „Klar, jeder Trend geht vorbei. Aber dieser Trend wird zumindest Gärten hinterlassen“, sagt er und lässt sich noch eines der eigenen köstlichen Radieschen schmecken.

 
 

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