Üben für die große Bühne

Bochum.  Die kleine Zicke aus der Lindenstraße bläht die Wangen auf und schmatzt und stiefelt schwerfällig von Wand zu Wand. Wie sonst sollte sie es mimisch darstellen, dass dieser kleine Proberaum voller Pudding ist? „Gut“, lobt Schauspiellehrerin Julia Jochmann, „Jetzt tu so, als wärst du im Weltraum!“, „Jetzt, als wärst du ein Cowboy!“, „Jetzt, als hättest du Ballettschuhe an!“ Katharina Witza, die Lindenstraßen-Fans seit fünf Jahren als Antonia kennen, müht sich. Katharina ist ein neun-jähriges Mädchen mit Pausbäckchen und Lieb-hab-Lächeln, die so erwachsene Sätze sagt wie: „Auswendig lernen kann ja jeder. Als Schauspieler musst du dich in die Rolle hineinversetzen.“ Genau das übt sie in Bochum, an der ersten privaten Schauspielschule des Ruhrgebiets für Kinder und Jugendliche.

Katharina und all die anderen sind in einem Alter, in dem man die großen Gefühle schon deshalb nicht spielen kann, weil man sie noch nicht erlebt hat. Zu jung zum Fühlen, nicht aber zum Träumen – ihren Berufswunsch haben die Knirpse hier längst klar definiert: Sie wollen Schauspieler werden. Ute Brakelmann, 49, hat die Sehnsucht der Generation „Castingshow“ erkannt. Mit dem Handwerk Schauspielerei, das gibt sie offen zu, hatte sie bislang so gut wie nichts zu schaffen. Sie ist Geschäftsfrau, und seit September vergangenen Jahres ist sie Gründerin der Schauspielschule „Take off“. Sie wolle sich absetzen von den Castingsshows im Privatfernsehen, die wie die Pilze aus dem Boden schießen und die doch so schwarz-weiß malen bei der Frage: Star oder Lachnummer. Nein, die große Karriere, so sagt sie, verspräche sie hier keinem. Nur so viel: „Das Potenzial haben einige.“

18 Schüler sind es derzeit, 100 sollen es in zwei Jahren sein. An diesem Abend üben fünf Mädchen und Oliver. Sie sind hibbelig, albern, frech. „Jetzt quatsch nicht, sondern mach!“, fährt eine die Lehrerin an. Still, zurückhaltend, schüchtern? All das sind hier Fremdwörter. Der
Schauspieler von mor-
gen ist extrovertiert.

Spaß. Um den soll es gehen, und um nichts anderes. Julia Jochmann, 31, soll ihn verbreiten. Gelernt hat sie an der Bochumer Musicalschule, spielt am Landestheater und hat eine eigene Theater-Marke gegründet.

Sie weiß, wovon sie
spricht, wenn sie
sagt: „Hier kön-
nen die Kinder
im geschützten
Raum viel ausprobieren. Mindestens schult sie das für Referate in der Schule.“ Sie üben Mimiken ein, sprechen Zungenbrecher, improvisieren. Und lachen, viel sogar. Die ein oder andere hofft insgeheim, dass sie irgendeiner mal bucht: Sei es für eine Filmrolle oder einen Werbespot. Die ersten Anfragen von Castingagenturen seien schon eingetroffen, behauptet die Chefin.

Katharina, die Zicke aus der Lindenstraße, ist nach eineinhalb Stunden fertig für heute, da erzählt sie noch: „Mein Vater sagt manchmal, ich würde immer so tun, als ob mein Bruder mich schlagen würde – nur um ihn zu ärgern!“ Sie grinst vielsagend. Auch dafür ist er gut, dieser Schauspielunterricht.

 
 

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