Todesangst, die Kontrolle zu verlieren

Karlheinz Eichers bei einer der wenigen Freiheiten, die er noch hat: einem Spaziergang im nahe gelegenen Park. Der 49-Jährige leidet unter Panikattacken und kann die vertraute Umgebung nicht mehr verlassen. Fotos: Klaus Pollkläsener / Iris Medien
Karlheinz Eichers bei einer der wenigen Freiheiten, die er noch hat: einem Spaziergang im nahe gelegenen Park. Der 49-Jährige leidet unter Panikattacken und kann die vertraute Umgebung nicht mehr verlassen. Fotos: Klaus Pollkläsener / Iris Medien
Foto: Iris-MEDIEN
In Deutschland erkranken etwa fünf bis sechs Prozent der Menschen an einer Panikstörung. Für Betroffene wie Karlheinz Eichers aus Voerde ist es eine Krankheit geworden, die ihm das Leben zum Gefängnis macht.

Voerde.. Karlheinz Eichers ist ein echter Kämpfer-Typ. Einer, bei dem man das Gefühl hat, dass er nicht lange fackelt, wenn ihm etwas wichtig ist. Der ehrgeizig ist und klare Ansagen gibt. Ein Feldwebel a.D., der als überaus belastbar gilt, eine Spezialausbildung bei der Bundeswehr absolviert und gelernt hat, seine Gegner schnell in den Griff zu bekommen. Nur vor sich selbst muss der 49-Jährige aus Voerde kapitulieren. Weil es immer wieder Situationen gibt, die ihm Angst bereiten. Panische Angst. Todesangst. So sehr, dass er seit 15 Monaten nicht mehr arbeitsfähig ist. „Agoraphobie mit Panikstörungen“ hat ihm der Arzt bescheinigt.

Die Ausprägung eines solchen Krankheitsbildes ist vielfältig; der Verlust an Lebensqualität ist eindeutig: Karlheinz Eichers kann nur noch ein paar Schritte im nahe gelegenen Park spazieren gehen oder ein paar Besorgungen in der Nachbarschaft mit dem Auto erledigen – jede weitere Entfernung würde zur unglaublichen Qual. An Fahrten mit dem Bus oder Zug ist nicht zu denken. „Dann hätte jemand anders die Kontrolle über mich“, begründet er. Die Angst hiervor ist stärker als jede Vernunft. Selbst eine Fahrt im eigenen Auto, weiter als drei Kilometer, würde schnell zur Tortur: „Ich hätte Angst, den Weg hin oder zurück nicht zu schaffen“, sagt Eichers. Schon die Vorstellung, sich hinters Steuer setzen und losfahren zu müssen, bereitet ihm sichtbares Unbehagen.

Der 49-jährige Vater von drei Kindern weiß noch genau, wann er dieses Gefühl von Panik, dieses Herzrasen, dieses Zittern und die Unruhe zum ersten Mal bekam: Da war er zwölf und fuhr Aufzug im Expo-Gebäude „Atomium“ in Brüssel. Wie er das Gebäude wieder verlassen hat, weiß er bis heute nicht. Aber ab dann gab es immer wieder Situationen, die ihn panisch machten: Ein Besuch im Schwimmbad genauso wie Dunkelheit oder die Sorge, in einen Stau zu geraten. So nahm er lieber stundenlange Umwege in Kauf, als die Autobahn zu benutzen. Aber es ändert nichts an den Attacken: „Immer wieder habe ich Angst davor, handlungsunfähig zu sein oder die Kontrolle zu verlieren.“ Berufliche Rückschläge und private Enttäuschungen führten schließlich dazu, dass sich das Krankheitsbild immer weiter entwickelte. Bis irgendwann der totale Zusammenbruch kam – und ein angstfreies Leben außerhalb der gewohnten Umgebung seitdem nicht mehr möglich ist. „Es ist ein Gefängnis, in dem ich lebe“, sagt er.

Der Betriebswirt und Wirtschaftsinformatiker weiß, dass er mit seinen Angst- und Panikattacken nicht alleine ist. Aber er fühlt sich so. Als Kassenpatient hat er sich seit Monaten bislang vergebens um eine Therapie bemüht. Denn die Plätze sind begrenzt, die Wartelisten der Praxen lang - und die Folgen für die Betroffenen dramatisch. „Eine Arzthelferin hat mir gesagt, sie bekomme täglich Anrufe, in denen die Betroffenen drohen, sich umzubringen, wenn sie nicht schnellstmöglichen einen Termin bekommen“, berichtet Eichers. Die mögliche „Lösung“ Psychopharmaka lehnt er jedoch ab: aus Angst vor einer Abhängigkeit.

Kampf gegen eine Zwei-Klassen-Medizin

Statt dessen hofft er auf dieselben Rechte wie ein Privatpatient - sprich eine einleitende Therapie vor Ort zu erhalten. Ein Psychiater habe auf sein Drängen – und weil er angekündigt habe, den Besuch auch privat zu bezahlen – in einem Telefonat eingewilligt, auf dem Weg von seiner Praxis mal bei ihm zu Hause vorbei zu kommen. Wann das sein wird? Eichers weiß es nicht – und wartet und hofft weiter.

Aber der 49-Jährige ist niemand, der untätig ist und sich einfach in sein Schicksal ergibt. Er hat sich dazu entschlossen, zu reden: Über seine Krankheit, über die fehlenden Therapieplätze, über die Zwei-Klassen-Medizin, über die Fehler der Gesundheitsreform. „Es kann doch nicht sein, dass Menschen, die psychisch krank sind, ein Politikum werden“, sagt Eichers. Und er will mit anderen Betroffenen in Kontakt kommen: Unter der Adresse www.angstundpanik.net hat er eine Internetseite eingerichtet und ein Forum eröffnet, in dem sich Betroffene austauschen können und gemeinsam für ihre Rechte und eine zeitnahe Therapie kämpfen sollen.

„Ich versuche, aus einer Notsituation heraus mir und anderen Betroffenen die Möglichkeit einzuräumen, uns Gehör zu verschaffen“, begründet er im Gespräch mit der WR sein Engagement. „Ich möchte, dass man uns wahrnimmt. Ich will nicht in Rente geschickt werden. Ich will arbeiten – aber dazu brauche ich professionelle Hilfe.“

 
 

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