Sternenkind Svenja

Claudia Reißaus (2.vl.) mit anderen betroffenen Eltern des Vereins  „Sternenkinder“ Castrop-Rauxel , die ihre Kinder verloren haben.  Bäume und  Sterne mit ihren Namen erinnern an sie, seit kurzem auch eine Gedenkskulptur.
Claudia Reißaus (2.vl.) mit anderen betroffenen Eltern des Vereins „Sternenkinder“ Castrop-Rauxel , die ihre Kinder verloren haben. Bäume und Sterne mit ihren Namen erinnern an sie, seit kurzem auch eine Gedenkskulptur.
Foto: WR/Franz Luthe
Die Reporter der WR-Landesredaktion haben im zurückliegenden Jahr etliche Geschichten veröffentlicht. Ihre bewegendste lassen sie noch einmal Revue passieren - und fragten bei den Betroffenen nach, wie ihr Leben weitergegangen ist.

Castrop-Rauxel. Es gibt viele Geschichten, die mich in diesem Jahr bewegt haben. Ob das hinderlich ist für Journalisten, die doch mit Distanz und professionell berichten sollen? Ich glaube nicht. Wer über Menschen schreibt, der darf auch Anteil nehmen. Und ich erinnere mich an viele Themen und Begegnungen, die mich besonders berührt haben.

Da waren zum Beispiel die beiden Iserlohner, die sich Tag und Nacht um die Kinder von Alkoholkranken kümmern („Eine Anlaufstelle für Flaschenkinder“). Da war der Musiktherapeut in der Kinderklinik Datteln, der so viel Freude bei den schwerst behinderten kleinen Patienten auslöst („Hier ist Paul. Paul spielt ein Lied“). Und da war Claudia Reißaus aus Castrop-Rauxel.

Ein Opfer des Loveparade-Unglücks

„Warum hat keine Hand nach Svenja gegriffen?“ lautete die Überschrift über den WR-Artikel am 24. Juli. Es ist eine Frage, die sich die 49-Jährige auch heute noch stellt, und die sie sich in jedem Jahr immer wieder neu stellen wird. Nicht nur am 24. Juli, dem Tag des Loveparade-Unglücks in Duisburg. Denn an diesem Tag, vor nunmehr zweieinhalb Jahren, hat sie ihre Tochter verloren. Die 22-Jährige ist eine von den insgesamt 21 Opfern, die bei der Massenveranstaltung ihr Leben lassen mussten.

Und auch das Leben von Claudia Reißaus ist seitdem nicht mehr, wie es war. Nicht nur an den Tagen wie Weihnachten oder auch Silvester, vor denen es ihr graut, oder vor dem 12. Januar, an dem Svenja Geburtstag gehabt hätte. Oft sind es die ganz normalen Abende, wenn sie nach der Arbeit alleine zu Hause ist. „Manchmal brauche ich nur auf die Fotos von Svenja zu gucken, dann sitze ich da und weine einfach“, gibt Claudia Reißaus zu. Aber manchmal kann sie sich auch schon freudig die Fotos anschauen: Weil sie sich an einen fröhlichen Menschen erinnern kann und dies den Schmerz überwiegt.

Dass sie inzwischen soweit gekommen ist, hat sie auch dem Verein „Sternenkinder“ in Castrop-Rauxel zu verdanken: Er hilft Eltern, Angehörigen und Freunden, die den Tod eines Kindes verkraften müssen durch eine Fehl- oder Totgeburt genauso wie durch eine Krankheit, eine natürliche Todesursache – oder ein Unglück. „Die Menschen dort sind mir sehr sehr sehr wichtig“, sagt Claudia Reißaus. „Es ist total schön mit ihnen, weil ich mich dort einfach aufgehoben fühle. Weil wir alle das Gleiche durchgemacht haben. Das gibt mir richtig Kraft.“

Gedenkskulptur für Sternenkinder

Erst neulich, am 9. Dezember, dem weltweiten Gedenktag für verstorbene Kinder, wurde vom Bürgermeister eine Gedenkskulptur für den Verein mit den Namen von 18 Sternenkindern enthüllt. „Das war eine tolle Aktion mit vielen Leuten. Richtig schön“, denkt sie zurück.

Und auch die Begegnungen mit den Angehörigen der anderen Loveparade-Opfer und die gemeinsame Aktion mit dem neuen Bürgermeister Sören Link in Duisburg vor wenigen Wochen habe ihr gut getan. „Er hat dafür gesorgt, dass für unsere Kinder, die gestorben sind, Magnolien gepflanzt wurden“, erzählt sie. „Das ist ein lieber Mensch, der steht auf unserer Seite und setzt sich für uns ein. Das gibt ein gutes Gefühl.“ Auch im neuen Jahr will sie wieder zu der Gedenkstätte fahren, dorthin, wo Svenja starb. Und sie weiß auch schon wann: „Wenn die Bäume dort blühen.“

Bewegende Geschichten, Teil 1
Bewegende Geschichten, Teil 3
 
 

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