Sozialticket des VRR wird im Ruhrgebiet zum Flop

Anspruchsberechtigte können ein Sozialticket beim VRR für 29.90 Euro erwerben. Foto: Knut Vahlensieck
Anspruchsberechtigte können ein Sozialticket beim VRR für 29.90 Euro erwerben. Foto: Knut Vahlensieck
Das im November eingeführte Sozialticket im Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) geht offenbar an den Bedürfnissen der möglichen Kunden vorbei. Es stößt bislang nur auf sehr verhaltenes Interesse. In einzelnen Städten wie Duisburg wird es von nicht einmal vier Prozent der Anspruchsberechtigten genutzt.

Das Sozialticket des Verkehrsverbunds Rhein-Ruhr (VRR) erweist sich knapp drei Monate nach seiner Einführung als Ladenhüter. Das verbilligte Monatsticket zum Preis von 29,90 Euro wird in einzelnen Städten, so etwa Duisburg, von nicht einmal vier Prozent der Anspruchsberechtigten genutzt. An 850 000 potenzielle Kunden im Gebiet des Verkehrsverbunds waren in den Monaten November und Dezember insgesamt 66 000 Sozialtickets verkauft worden. Der VRR hatte bei der Einführung des Tickets, das unter anderem Empfänger von Arbeitslosengeld II, Sozialhilfe oder Wohngeld nutzen können, mit einer Nutzerquote von 14 Prozent der Berechtigten kalkuliert.

Um die Einführung des Sozialtickets hatte es im Vorfeld einen lang andauernden politischen Streit gegeben. Städte fürchteten, auf den Mehrkosten für das verbilligte Ticket hängen zu bleiben. Kritiker hingegen fanden die Kompromisslösung eines Tickets für 29,90 Euro überteuert und somit am Bedarf der Anspruchsberechtigten vorbeigeplant.

Überall im Ruhrgebiet haben sich Initiativen gegründet, die ein günstigeres Sozialticket fordern. Dabei wurde auch der „rote Punkt“ wiederbelebt. Vor 40 Jahren war er das Symbol für Aktionen, die sich gegen zu hohe Fahrpreise im Öffentlichen Nahverkehr richteten. Jetzt ist er aus der politischen Kramkiste hervorgeholt worden. Wer ihn als Anstecker an Mantel oder Jacke trägt, signalisiert Protest gegen den Preis für das VRR-Sozialticket.

Sozialticket bescherte Dortmund ein Millionen-Defizit

Gewerkschaften machen mit, im Katholischen Forum in Dortmund oder in Szenebuchläden liegt er aus: Der rote Anstecker soll Fahrgemeinschaften in Bus und Bahn vermitteln, erklärt Heiko Holtgrave, der in Dortmund Aktionen für ein preiswerteres Sozialticket koordiniert. Das Prinzip: Wer über ein reguläres VRR-Monatsticket verfügt, darf weitere Fahrgäste nach 19 Uhr oder an Wochenenden mitnehmen. Wer „rot“ trägt, zeigt also: „Ich kann Dich mitnehmen, wenn Du Dir kein Ticket leisten kannst.“

Dass viele Anspruchsberechtigte auf den Kauf eines eigenen „Sozialtickets“ verzichten, ist am Beispiel Dortmunds gut zu demonstrieren. Dortmund war mal Vorreiter. Hier gab es ein von einem Rat mit rot-grüner Mehrheit erdachtes Sozialticket für 15 Euro im Monat, das fast 25 000 Menschen nutzten.

Die Stadt aber fuhr mit dieser zusätzlichen Sozialleistung innerhalb von zwei Jahren ein Defizit von 12 Millionen Euro ein. Dortmund sprang vom Zug und machte sich, am VRR vorbei, dann sein ganz eigenes Sozialticket, im Rat jetzt mit rot-bürgerlicher Mehrheit. Das Ticket ist mit 33,47 Euro im Monat noch teurer als anderswo im VRR, gilt erst morgens ab 9 Uhr und wird nur noch von 7100 Kunden genutzt. Tendenz: leicht sinkend, so ein Sprecher der Dortmunder Stadtwerke. Andere Städte wie Hagen verzichteten gleich ganz.

Absatzzahlen für Sozialticket "mehr als bescheiden"

Wo man auch fragt: Das fast 30 Euro teure Ticket wird nur höchst zögerlich nachgefragt. In Gelsenkirchen könnten es rund 60 000 Menschen nutzen, aber nur 3458 haben bislang eines. Bochum hätte 50 000 Anspruchsberechtigte, dort wurden aber erst 3970 Tickets geordert. Schlusslicht in ersten Umfragen ist Duisburg: Die dortige DVG hat bislang 3382 Sozialtickets verkauft. Mindestens 95 000 Menschen hätten einen Anspruch auf das Ticket.

„Die Absatzzahlen sind mehr als bescheiden“, findet Heiko Holtgrave. Die Gründe liegen für ihn auf der Hand: „Es wurde am Bedarf vorbeigeplant.“ Mobilität bleibe weiterhin ein Luxusartikel, ärgern sich die Unterzeichner eines Aufrufs für ein günstigeres Sozialticket: Mietervereine, Arbeitslosenzentren, Gewerkschaften und Sozialforen, Grüne und Linke überall aus dem Ruhrgebiet.

5000 rote Anstecker haben sie in Dortmund herstellen lassen, damit Ticketbesitzer und solche, die sich keinen Fahrschein leisten können, künftig zusammenfinden. Ein Plakat soll entstehen, an eine Mitfahrerbörse im Internet ist gedacht. Die Aktion habe weitgehend symbolischen Charakter, sagt Holtgrave, der wirtschaftliche Schaden für die verkehrsbetriebe werde sich in Grenzen halten. „Aber wir wollen politisch klar machen, dass man dieses Thema ernster nehmen muss“. Und ein bisschen erinnert es die „ein, zweiÄlteren“ in den Initiativen ja auch an frühere Zeiten. Mit den „Rote-Punkt-Aktionen“ der frühen 70er Jahren im vergangenen Jahrhundert gelang es zum Teil, Fahrpreiserhöhungen zurückzudrehen.

 
 

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