So wird die Welt ein bisschen bunter

Aktivistin Babsie zeigt ihre Samenbomben
Aktivistin Babsie zeigt ihre Samenbomben
Foto: WR
Nach Josie Jefferys Kultbuch steigt in der Region die Produktion von „Samenbomben“. So genannte Guerilla-Gärtner bauen die kleinen Kugeln. Ihr Ziel ist aber nicht die Zerstörung. Ganz im Gegenteil

Westfalen.. Guerilla ist das spanische Wort für kleine Kampfeinheit, die einer Übermacht die Stirn bietet. Die Übermacht, das sind in diesem Fall Betonwüsten, in denen wir wohnen, sinnlose Versiegelungen, Straßennasen und Baumscheiben, zum Hundeklo verkommen. Wenn Fahrbahnränder, Spielplätze, Haltestellen nur noch Tristesse sind, verwahrloste Verkehrsinseln und vergessene Industriebrachen auf stadtplanerische Gleichgültigkeit und fiskalische Ohnmacht treffen, dann ist Zeit zum Handeln. Dann greifen die Guerilla-Gärtner an.

Ein bisschen Revoluzzer

Die grünen Brigaden sind keine Krieger, ein bisschen Revoluzzer vielleicht. Ihre Saatbomben haben auch keine Zerstörungskraft. Im Gegenteil: Die kleinen Kugeln machen die Welt schöner, ein bisschen bunter. Immer mehr davon fliegen, weil die Bewegung spürbar wächst, seit es Josie Jefferys britisches Kultbuch endlich auch auf Deutsch gibt. „Mit Samenbomben die Welt verändern“ ist Pflichtlektüre „für Guerilla-Gärtner und alle, die es werden wollen“. Soviel sei an dieser Stelle schon verraten: Es ist ein erfrischendes Buch.

Aber erst begegnen wir einer grünen Angreiferin, die das Paperback schon verschlungen hat. Wir treffen uns in einer Fußgängerunterführung in einer x-beliebigen Mittelstadt. Babsi (69), Jahrzehnte schon Umweltaktivistin, baut seit neuestem auch Samenbomben. Sie zeigt uns, was passieren kann, wenn einer an der richtigen Stelle seine Taschen leert, wenn’s reichlich regnet und die Sonne scheint: Der Weg – von Tiefbauern einst in Beton gegossen -- wird von Jahr zu Jahr schöner, grüner, bunter. Ein Mitstreiter ließ seine gesammelten Blütenköpfe einst in die Fugen rieseln. Heute stehen seine prachtvollen Stockrosen Fußgängern und Radfahrern Spalier. Und der Beinwell blüht schon himmelblau. „Grün statt Grau“ ist Babsis Devise, „und blühende Ideen und öde Plätze gibt’s doch genug“, sagt sie.

Zurück zum Buch „Mit Samenbomben die Welt verändern“. Josie Jeffery spricht über ihre Wurzeln (Eltern Straßenmusikanten, Wanderleben, Kommune, die Farm, das Gartenbaustudium). Die Autorin unternimmt Ausflüge in die Geschichte (Masanobu Fukoaka aus Japan und seine Rückkehr zur Natur), stellt Vorreiter-Projekte in den USA und England vor und widmet sich dann nach Herzenslust dem Bau von Bomben: Samenbomben. Die ganz normalen werden aus Ton und Erde gerollt. Es entsteht eine Kugel, die weit fliegen kann und zum gezielten Einsatz in schwer erreichbare Gebiete kommt. Denn Samen aus der Hosentasche sind flüchtig. Der Wind weht sie oft auf die Straße. Und da wächst nun mal nichts.

Ein schöner Spaß ist die Luftballonbombe. Mit Wasser und Samen gefüllt, wird’s ein Wurfgeschoss. Mit Samen und Helium steigt sie auf und fliegt davon. Wo es vielleicht später einmal sprießt, bleibt ein großes Geheimnis. Was allerdings auch ein bisschen gefährlich ist. Denn für Guerilla-Gärtner gilt: Nachbars Garten ist tabu, sei er noch so öde.

Die Biene dankt

Jefferys Buch hat einen ausführlich beschriebenen Pflanzenteil, der auch Garten-Laien erklärt, warum sich für bestimmte Bomben Biene oder Birkenzipfelfalter bedanken. Weil Guerilla-Gärtner auch das große ökologische Ganze im Blick haben sollten. Außerdem ist die 128seitige Kampfschrift grafisch schön gemacht, hat auch noch haptischen Reiz, wenn man schönes Papier liebt.

 
 

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