Mit der Sense an das andere Ende der Welt

Ralf Witthaus bei der Arbeit – hier an einem früheren Werk in Bochum. Foto Horst Müller
Ralf Witthaus bei der Arbeit – hier an einem früheren Werk in Bochum. Foto Horst Müller
Foto: WAZ FotoPool
Der Rasenkünstler Ralf Witthaus will mit einer neuen Arbeit Westfalen und Neuseeland verbinden

Herford..  Ralf Witthaus durchsticht die Erde. Davon hat er schon als siebenjähriger Junge geträumt, als er seinen Vater fragte: „Wo komme ich an, wenn ich unter meinen Füßen immer weiter grabe?“

Aus bohrenden Fragen kann eines Tages Kunst entstehen. Witthaus wird im Frühherbst Ostwestfalen mit dem anderen Ende der Welt verbinden – mit Neuseeland. An beiden Antipoden wird er riesige Rasenkunstwerke schaffen, die er mit der Stihl Motorsense FS 130 – „das ist mein Zeichenstift“ – ins Gelände mäht. Darstellen will Witthaus die Landschaft vom jeweils anderen Ende der Welt.

Ein bisschen muss sich der Kölner Künstler in diesen Tagen wie ein Fürst fühlen. Wohin er auch kommt, überall werden ihm mit Kusshand Ländereien angeboten. Bauer Fritz Bröer aus Löhne war einer der ersten, die sich meldeten.

Er würde der modernen Kunst gleich eine ganze Wiese anvertrauen und tritt auch noch ein Stück Gerstenfeld ab. Alles nur, damit die Kunst, die in dieser Region sonst nicht gerade aus dem Boden sprießt, einmal nach Löhne kommt.

Herford sorgt für gut bespielbaren Platz

Klaus Buchholz von der Grünflächenabteilung der Stadt Herford liegt mit seinem Angebot aber auch gut im Rennen. Er hat 10 000 Qua­dratmeter Stadtpark in der Hinterhand. Viel Wiese – und dazu eine nicht gerade weltweit Aufsehen erregende Attraktion. Ein Beach Club mit aufgeschüttetem Sand und Bastsonnenschirmen aalt sich im äußersten Zipfel des Parks. Künstler Witthaus ist skeptisch. Er fragt sich, wie den Neuseeländern wohl ein in den Rasen gemähtes Bild eines deutschen Beach Clubs gefällt. „Das ist doch eher Malibu“, sagt er.

Wie sieht es am anderen Ende der Welt aus? Und: Wie bilden wir Heimat ab? Das sind Fragen, die dieses Kunstwerk thematisieren wird. Witthaus, der unter anderem mit seiner Arbeit „Bundesrasenschau“, einem rund 12 Kilometer langen Mäh-Werk im Inneren Grüngürtel der Stadt Köln Aufsehen erregte, will aber nicht nur mit der Motorsense malen. Er möchte vor allem für Kommunikation sorgen, für Gespräche. Er bringt nicht nur den Bauern und den Grünflächenamtsmitarbeiter zur Kunst. Wenn Witthaus erst mal so ins Sensen kommt, kann er sicher sein, dass immer die ältere Dame oder der ältere Herr auftaucht, die ihre Deckung aufgeben und klassischerweise fragen: „Ich beobachte Sie jetzt seit drei Tagen. Was machen Sie hier eigentlich?“

Klaus Buchholz von der Stadt Herford buhlt weiter um die Gunst der Kunst. Die Stadt, die mit ihrem Museum für moderne Kunst („Marta“) die Arbeit von Ralf Witthaus begleitet, möchte das Kunstwerk schon gern auf eigenem Gebiet haben. Also legt Buchholz mit seinem Grundstücks-Angebot nach. Er kann für beste Bespielbarkeit des Rasens garantieren. Die Stadt Herford werde für „einmal Wiesenschnitt und zweimal Rasenschnitt“ in den Wochen sorgen, bevor Witthaus mit dem Mähen beginnt. So sollte der vom Künstler geliebte, saftig grüne Kurzrasen entstehen, der sich als Kontrast zum geschorenen Braun besonders gut macht.

Auckland bietet Botanischen Garten

Anfang Juli fliegt Ralf Witthaus nach Neuseeland, um dort die passende Fläche zu finden. Ein Angebot für eine erste Länderei in Übersee liegt schon vor. Im Botanischen Garten von Auckland würden die Neuseeländer dem Künstler vom anderen Ende der Welt gern den Boden für seine Arbeit bereiten. Aber Witthaus will noch abwarten. Ihm ist wichtig: „Beide Flächen müssen gut zueinander passen.“

Immerhin: Neuseeland ist ja bereits ein Kompromiss. Denn heute weiß Witthaus längst, dass sein Vater nicht ganz richtig lag, als er ihm damals seine Kindheitsfrage beantwortete. „Eigentlich“, sagt er „käme man irgendwo im Pazifik an, wenn man ein Loch durch die Erde graben würde“. Aber Rollrasen auf einem Flugzeugträger im Ozean zu verlegen, damit er dort sein Kunstwerk mähen kann, dieses Angebot liegt noch nicht vor.

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