Höxter-Prozess: Angelika W. ist ihrem Ex-Mann "nicht böse"

Die Angeklagte Angelika W. hat am Mittwochvormittag ihre Aussage vor dem Landgericht Paderborn begonnen.
Die Angeklagte Angelika W. hat am Mittwochvormittag ihre Aussage vor dem Landgericht Paderborn begonnen.
Foto: dpa
  • Angeklagte schildert im Prozess um die tödlichen Misshandlungen ihr eigenes Leid
  • Mitangeklagter Wilfried W., ihr Ex-Mann, habe sie auch mehrfach geschlagen und verbrüht
  • Streit im Prozess um Schuldfähigkeit des Angeklagten

Paderborn.. Die Angeklagte Angelika W. hat im Prozess um das "Horror-Haus" wie angekündigt ihre Aussage begonnen. Am Vormittag erzählte sie aus ihrer behüteten Jugend auf dem Bauernhof der Eltern. Zu Männern habe sie keinen Kontakt gehabt, sei mit Sex nicht in Berührung gekommen bis sie 25 Jahre alt war. Eine beste Freundin habe sie auch nie gehabt.

Schon zwei Tage nachdem sie mit dem Mitangeklagten Wilfried W. zusammen gekommen war, habe es Streit gegeben. Zwei Monate später heiraten die beiden trotzdem. Lange erzählt sie, wie sie mehrfach geschlagen und verbrüht worden sei und sagt dennoch: "Ich bin ihm nicht böse."

Streit um die Schuldfähigkeit von Wilfried W.

Zuvor hatte der Prozesstag mit einem Streit um ein Gutachten zur Schuldfähigkeit des Angeklagten Wilfried W. begonnen. Sein Verteidiger hatte zum Prozessauftakt im Oktober die wissenschaftlichten Grundlagen angezweifelt und einen neuen Sachverständigen gefordert.

Der Gutachter Prof. Michael Osterheider, der Wilfried W. für schuldfähig hält, wies die Vorwürfe in der Zwischenzeit schriftlich zurück. Das Gutachten sei vorläufig. Der Angeklagte habe sich einem persönlichen Treffen bislang verweigert. Auch die Staatsanwaltschaft konnte die Vorwürfe der Verteidigung an der Bewertung des Angeklagten nicht nachvollziehen.

Der Angeklagte schweigt bislang

Wilfried W. äußerte sich bislang nicht zu den Vorwürfen. Auch bei der Polizei hatte er nicht ausgesagt. Laut Verteidiger Detlev Binder will der Angeklagte im Prozessverlauf eine Stellungnahme von seinem Anwalt vorlesen lassen. Binder hatte im Vorfeld geäußert, dass sein Mandant nicht der Haupttäter sei. Ganz im Gegenteil: Wilfried W. sei Zeuge gewesen, habe nicht selbst misshandelt.

Die Angeklagte schilderte dagegen brutale Einzelheiten aus dem Zusammenleben mit ihrem Ex-Mann. Neben Tritten und Schlägen habe Wilfried W. sie über Jahre immer wieder unter Decken mit seinem Körper eingequetscht und ihr die Luft abgedrückt. Dabei habe sie Todesängste ausgestanden. Bis zu hundert Mal habe er in ihre Brüste gebissen. "Dabei gab es zum Teil Abdrücke von seinen Zähnen. Meine Brustwarzen waren blutig und zum Teil abgebissen", sagte die Angeklagte.

Eigene Misshandlung nicht Teil der Mordanklage

Warum sie das alles ausgehalten habe und nicht zur Polizei oder zu einem Arzt gegangen sei, fragte das Gericht. Sie habe Wilfried W. nicht in Gefängnis bringen wollen, sagte die 47-Jährige. Zudem habe sie sich schuldig gefühlt. "Das Böse hat er immer mit meinen Verfehlungen begründet: Wenn ich keine Fehler gemacht hätte, hätte er nicht böse werden müssen. Zumindest hat er mir das so immer vorgeworfen."

Ihre eigene Rolle als mutmaßliche Täterin war bislang noch nicht Teil der Verhandlung.Oberstaatsanwalt Ralf Meyer betonte in einer Pause, dass die von Angelika W. geschilderten eigenen Misshandlungserfahrungen nicht Teil der Mordanklage seien. Er begründete dies mit dem schon jetzt sehr umfangreichen Prozessmaterial.

Die Vorwürfe hätten auch keinen Einfluss auf die Höhe des möglichen Strafmaßes. Das Landgericht Paderborn setzt den Prozess gegen das mutmaßliche Täterduo am 30. November fort. Das Urteil soll im März 2017 fallen.

Anklage wegen zweifachen Mordes

Die 47-jährige Angelika W. ist ebenso wie ihr ein Jahr jüngerer Ex-Mann Wilfried W. wegen zweifachen Mordes durch Unterlassen und mehrfacher Körperverletzung angeklagt.

Über Jahre hinweg soll das inzwischen geschiedene Paar mit Kontaktanzeigen Frauen in das Haus am Teutoburger Wald gelockt, ihr Vertrauen gewonnen und sie dann brutal misshandelt haben. Mit seelischer und körperlicher Gewalt sollen sie den Willen der Frauen systematisch gebrochen haben. Dazu ketteten sie ihre Opfer der Anklage zufolge stundenlang an, traten ihnen die Beine weg oder verbrühten sie mit heißem Wasser. (mit dpa)

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