Fracking sorgt für Goldgräber-Stimmung

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Eine Verschärfung des Bergrechts zur wirkungsvollen Kontrolle des Frackings halten auch Wissenschaftler, die der Erdgas-Industrie nahe stehen, für notwendig. Auf Einladung von ExxonMobil hatten sie in den USA Bohrplätze besichtigt und waren geschockt.

Münster.. Nein, das war kein üblicher Betriebsausflug, keine Besichtigungstour, bei der man hinterher nur in höchsten Tönen lobende Worte von sich gibt. Und für diejenigen, die die Tour zahlten, war es vermutlich grenzwertig: Acht Tage lang waren auf Kosten von ExxonMobil deutsche Wissenschaftler in den USA, um sich anzusehen, wie dort die Energiegewinnung der Zukunft aussieht: dreckig. Die Umwelt gefährdend. Landschaft zerstörend. Soziale Probleme aufwerfend. Und doch glaubt ExxonMobil, auch in Westfalen auf vergleichbare Weise Erdgas fördern zu können.

Exxon, wie auch andere Energieunternehmen, warten dringend darauf, in nahezu ganz NRW mit Probebohrungen nach Erdgas beginnen zu können. Derzeit aber gibt es keine Genehmigungen, bis Landesgutachten zu der Technik vorliegen. Parallel versucht Exxon, mit seinem Dialogprozess und dafür tätigen renommierten Wissenschaftlern die Akzeptanz zu verbessern. In diesem Rahmen fand die USA-Tour statt.

Professor Alexander Roßnagel, Umweltjurist und Mitglied des von Exxon berufenen „neutralen Expertenkreises“, spricht leise und vorsichtig, wenn er seine Eindrücke der USA-Reise schildert. „Wir haben einen plastischen Eindruck von dem gewonnen, was auf uns zukommen könnte.“ Die Bohrplätze seien ein „so starker Eingriff in Natur und Landschaft, wie ich es mir nicht vorgestellt habe“. Vor vier Jahren gab es in Pennsylvania gerade mal 60 Bohrungen in die Erde, um aus festem Gestein mit Fracking-Methoden Erdgas zu gewinnen. Im vergangenen Jahr waren es 3000 – fünfzig mal mehr. 6000 weitere Genehmigungen wurden erteilt. Im gleichen Zeitraum wurde die Zahl der Behördenmitarbeiter, die für die Genehmigungen zuständig sind, gerade mal verdoppelt. „Obwohl es zehnmal, zwanzigmal so viele sein müssten“, sagt Prof. Roßnagel.

Dokumentarfilm zeigt brennendes Wasser

Die Konsequenz: Goldgräberstimmung im Wilden Osten der USA und extremer Raubbau an der Natur. Die Wissenschaftler beobachteten undichte Bohrlöcher und Leitungen. Bohrplätze waren nicht abgedichtet, sondern einfach nur geschottert. Und kontaminierte Flüssigkeiten werden in offenen Teichen gelagert. Pipelines schlagen breite Schneisen kreuz und quer durchs Gelände. Teilweise wurden belastete Abwässer in dafür ungeeigneten kommunalen Kläranlagen entsorgt. Ein großer Teil der Bohrungen findet in ökologisch empfindlichen Waldgebieten statt. „Es gibt praktisch keine behördliche Überwachung“, wundert sich Roßnagel über die Situation in den USA.

Als vor zwei Jahren der Dokumentarfilm „Gasland“ die Umweltzerstörung in den USA durch Fracking-Techniken öffentlich machte, wurde das Bild vom brennenden Wasser zum Synonym der Gefahren. „Stimmungsmache“ warf die Energie-Industrie den Filmemachern vor. Im Wasser sei natürliches Methan schon immer vorhanden gewesen. Heute glauben auch die deutschen Wissenschaftler, dass so etwas möglich ist – zumindest schließt man nicht mehr aus, dass es durch Fracking verursacht oder verstärkt wurde.

Keine nachhaltigen Arbeitsplätze durch Fracking

Ein weiterer Aspekt, der die Wissenschaftler überraschte: Die Bohrungen bringen, entgegen den dort derzeit im Wahlkampf propagierten Aussagen, keine nachhaltigen Arbeitsplätze für die jeweilige Region. Texanische Facharbeiter nehmen die Bohrungen vor; nach einiger Zeit ziehen sie weiter. Die Förderung selbst läuft quasi ohne menschliches Zutun.

Zwar sei die Situation in den USA nicht übertragbar auf Deutschland, beeilten sich die von Exxon engagierten Experten zu betonen. Hier seien rechtliche Voraussetzungen schon jetzt strenger, die Ausstattung der Behörden besser.

Gleichwohl: „Eine Anpassung des Bergrechts halte ich für nötig“, sagt der Umweltjurist Prof. Roßnagel im Gespräch mit unserer Zeitung. Das jetzige Recht, im Ursprung schon hundert Jahre alt, habe eine „den Bergbau fördernde Tendenz“. Roßnagel wünscht sich ein „politisches Signal: „Ja“ zur Förderung von Bodenschätzen, aber erst nach einer Beteiligung der Öffentlichkeit.

 
 

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