Fotomodelle aus einer anderen Zeit

Man sieht ihnen noch immer an, wie viel Spaß sie bei ihrem gemeinsamen Kalender-Projekt hatten: Die Models Hildegard Recka (81), Elisabeth Sachs (92) und Schwester Otti Ortmann (99) (v.l.) mit Sozialdienstmitarbeiterin Manuela Söhnchen und dem Heimleiter und Fotografen Andreas Vincke. Fotos: Klaus Pollkläsener / Iris Medien.
Man sieht ihnen noch immer an, wie viel Spaß sie bei ihrem gemeinsamen Kalender-Projekt hatten: Die Models Hildegard Recka (81), Elisabeth Sachs (92) und Schwester Otti Ortmann (99) (v.l.) mit Sozialdienstmitarbeiterin Manuela Söhnchen und dem Heimleiter und Fotografen Andreas Vincke. Fotos: Klaus Pollkläsener / Iris Medien.
Foto: Iris-MEDIEN
Mit einer ungewöhnlichen Idee beweist der Leiter des Altenzentrums der Diakonie in Witten, Andreas Vincke, dass sich in einem Altersheim nicht alles nur um Pflegebedürfigkeit dreht: Der Hobby-Fotograf gab einen Kalender heraus, der Menschen in alten Berufen zeigt – das älteste Modell ist 99.

Witten.. Elisabeth Sachs schüttelt vergnügt den Kopf, wenn sie daran zurückdenkt, wie ihre Kinder damals auf die Nachricht reagiert haben. „Die haben sich totgelacht“, sagt sie. Klang ja auch zu verrückt, was die Mutter ihnen erzählte: Dass sie nämlich nun Model würde – genauer gesagt: Fotomodell. „Und das in meinem Alter“, hätten sie gestaunt. Denn Elisabeth Sachs ist 92. Und doch: Für den Kalender, in dem ihr Bild nun den Monat Dezember ziert, nichts ungewöhnliches. Denn statt auf junge, faltenlose, attraktive Mannequins setzt dieser Kalender auf eine ganz andere Ausstrahlung und Lebenserfahrung seiner Motive. Das Motto: „Schönheit im Alter“.

Herausgeber Andreas Vincke verbindet mit diesem Thema und diesem Projekt eine besondere Beziehung: Als Leiter des Altenzentrums Feierabendhäuser der Diakonie Ruhr in Witten hat er seit Jahren täglich mit alten Menschen zu tun. Und als versierter Hobby-Fotograf auch gleich das richtige Auge für Motive. „Diese Kombination ist eigentlich das Glückliche daran“, sagt der 47-Jährige. „Denn so etwas geht nur über Vertrauen. Sonst wäre irgendein Profi-Fotograf schon längst auf die Idee gekommen, einfach in ein Altenheim zu gehen und Bilder zu machen.“

Doch so einfach ist es eben nicht. Vor allem, wenn es zunächst darum geht, die richtigen Modelle zu finden – beziehungsweise, sie zu überzeugen, bei dem Projekt mitzumachen. „Am Anfang habe ich wirklich gedacht, was soll der Unsinn“, gibt Ottilie Ortmann zu. „Eigentlich stehe ich nicht so gerne im Mittelpunkt.“ Doch weil ihr der Heimleiter und die Sozialdienstmitarbeiterin Manuela Söhnchen wohl so sympathisch sind, gab sie ihrem Drängen schließlich nach. „Und dann hatten wir viel Spaß!“ sagt die frühere OP-Schwester und Diakonisse, die hier von allen nur „Schwester Otti“ genannt wird. Und die gerade ihren 99. Geburtstag feiern konnte.

„Spaß“ - das ist das Wort, das am häufigsten fällt, wenn sich die Altenheim-Bewohner an ihr Fotoshooting erinnern. Denn dafür hatten sich Vincke und Söhnchen etwas ganz Besonderes einfallen zu lassen: Um die alten Menschen mit alten Berufen in Verbindung zu bringen und dafür die richtige Umgebung zu finden, fuhren sie mit ihnen zu fünf LWL-Industriemuseen der Region und machte ein richtiges Erlebnis aus den Terminen. Die Küche des Heimes übernahm das Catering und gab Schnittchen, Kaffee und Kuchen und Piccolo zur Stärkung mit, ein Friseur war für die Haartracht zuständig, und mehrere Mitarbeiterinnen des Heimes übernahmen das Schminken. Und auch Busfahrer Peter Führing bekam eine besondere Aufgabe: Während die Kalender-Modells geschminkt und frisiert wurden, stand er dem Fotografen schon mal als Probe-Modell für die richtigen Lichtverhältnisse zur Verfügung.

„Wir haben solch einen Spaß gehabt!“, erinnert sich auch Hildegard Recka gerne. Obwohl: Dass ein Model-Dasein anstrengend ist - zumal, wenn man die 70 längst überschritten hat – auch das erlebten die Senioren. Für das Motiv als Hausfrau verließ Hildegard Recka sogar ihren Rollstuhl und stellte sich mit Wasserkessel vor den alten Küchenherd. Doch die Mühen waren es ihr wert: „So was muss man aushalten“, sagt sie heute. Und wenn sie sich „ihr“ Kalenderblatt von Oktober anschaut, dann lässt sich ahnen, wie stolz und auch glücklich sie dieses Foto gemacht hat. Vielleicht auch deshalb, weil man darauf nicht sieht, dass ihr linker Arm seit einem Schlaganfall gelähmt ist und schlaff herunterhängt. Man ahnt auch nicht, dass der 77-Jährige Ziegelmeister, der scheinbar einen Wagen mit Steinen schiebt, solch stark Osteoporose hat, dass er sonst nur gebückt am Rollator geht. Dass der 71-Jährige Stahlgießer, der so freundlich in die Kamera schaut, in Wirklichkeit eigentlich nicht lächeln kann, weil er an Parkinson leidet. Und auch nicht, dass die beiden Männer, die rußgeschwärzt als Bergmann oder mit Lederschürze als Schmied arbeiten, schwer an Alzheimer erkrankt sind und in der geschützten Station des Altenzentrums leben.

So entstand bei diesen Fotoaufnahmen viel mehr, als „nur“ ein Kalender: „Es gab viele emotionale Momente“, sagt Andreas Vincke. Für die Mitarbeiter, für die Bewohner selbst und schließlich auch für ihre Angehörigen, die einmal ein völlig anderes Bild von den Pflegebedürftigen bekamen. „Sie haben die Fotos als Bereicherung empfunden“, sagt Söhnchen. „Und sie waren sehr berührt.“

Und so hat der Kalender, noch bevor er nun seine Funktion als Jahresbegleiter erfüllt, schon viele Ziele erreicht: Er hat für Abwechslung im Heimalltag gesorgt, hat den alten Menschen viel Freude bereitet, hat ihnen Selbstvertrauen und Stolz vermittelt und hat gezeigt, dass Modells nicht nur dann schön sind, wenn sie dem heutigen Jugendwahn entsprechen. Vor allem aber hat er bewiesen, dass sich in einem Altersheim nicht ständig alles um Pflege und Pflegebedürftigkeit dreht. „Dass wir den Menschen hier natürlich nicht das Zuhause ersetzen können, ist uns allen klar“, sagt Andreas Vincke. „Aber man sieht, dass das Leben hier auch etwas anderes beinhaltet: nämlich Lebenslust, Freude und Kreativität.“ Und doch: Ist die Idee mit den Models aus dem Altersheim nicht auch etwas verrückt gewesen? „Verrückt finde ich es nicht“, bilanziert Vincke nachdenklich. „Wir sind der Zeit vielleicht nur einen kleinen Tick voraus. Mehr aber nicht.“

 
 

EURE FAVORITEN