Explosion im Schweinestall

Die Gefahr, die besonders im Schweinestall droht, ist schon länger erkannt – aber nicht gebannt.
Die Gefahr, die besonders im Schweinestall droht, ist schon länger erkannt – aber nicht gebannt.
Foto: ddp
Immer wieder kommt es zu Explosionen in Schweineställen. Allein in NRW flogen in den vergangenen Jahren 20 bis 30 Gebäude in die Luft. Die Gefahr kommt aus der Güllegrube. Gülle produziert auch Methangas, und das ist, im richtigen Mischungsverhältnis mit Luft, hochexplosiv.

Sendenhorst. Die Gefahr kommt aus der Güllegrube. Immer wieder kommt es zu Explosionen in Schweineställen, die, wie kürzlich in Sendenhorst bei Hamm, schlimme Folgen haben können. Das Phänomen wird auch in den USA beobachtet. Dort machen Forscher nun einen „mysteriösen Schaum“ für die zunehmende Zahl von Unglücken auf den Bauernhöfen verantwortlich.

Gülle stinkt. Das merken gerade jetzt wieder zahlreiche Bewohner ländlicher Gebiete, wo die über den Winter in den Ställen angefallenen Exkremente der Tiere auf Wiesen und Äcker ausgebracht werden. Doch: Gülle produziert auch Methangas, und das ist, im richtigen Mischungsverhältnis mit Luft, hochexplosiv. „In den vergangenen zehn Jahren hatten wir in Nordrhein-Westfalen etwa 20 bis 30 Explosionen in Ställen, die durch das Methangas entstanden sind“, sagt Ludger Lohmann, Chef des Präventionsdienstes bei der Landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft in Münster.

Landwirt schwer verletzt

Eines der schweren Unglücke ereignete sich vor wenigen Wochen in Sendenhorst, als ein Landwirt mit einem Hochdruckreiniger im Stall arbeitete. Möglicherweise ein elektrischer Funke in dem Gerät löste eine schwere Explosion aus, bei der der Landwirt so schlimm verletzt wurde, dass er mit einem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus geflogen werden musste, wo er immer noch behandelt wird.

Nicht der einzige Fall in den vergangenen Wochen. So explodierte im Januar in Glandorf bei Osnabrück ein Schweinestall, wobei mehrere Schweine starben.

Gefahr erkannt, aber nicht gebannt

Tatsächlich ist die Gefahr, die besonders im Schweinestall droht, schon länger erkannt – aber nicht gebannt. Anders als Rinder stehen viele Schweine heute in gut abgedichteten Ställen. Dort gibt es, weil die Tiere so empfindlich sind wie Menschen, kaum Luftzug. Die Hinterlassenschaft des Borstenviehs fällt und fließt durch den Spaltenboden direkt in große Auffangbecken unter dem Stall. Dort gärt die Gülle, und normalerweise verfliegen die Gase, wenn dann doch mal Durchzug im Stall herrscht.

Bleibt die Gülle jedoch länger in den Becken stehen, bildet sich darauf eine Kruste, wie Landwirtschafts-Experte Ludger Lohmann sagt. Das funktioniert wie ein Deckel: Methan reichert sich darunter an. „Gefährlich wird es dann, wenn die Gülle umgerührt oder verquirlt wird, um sie abzupumpen“, erläutert der Fachmann. Dann kann plötzlich eine große Menge Methan frei werden. „Wenn ein Zündfunke in der Nähe ist, droht eine große Explosion.“ Es habe auch schon Fälle gegeben, wo im Stall geschweißt wurde, und ein glühendes Teilchen in die Gülle fiel – mit verheerenden Folgen. Auch das ist hochgefährlich, weiß der Präventions-Mann. „Bei jedem unserer Vorträge über Sicherheit warnen wir die Landwirte eindringlich vor dieser Gefahr.“ Manchmal denke er, es sei ein Glück, dass nicht schon viel mehr passiert ist.

„Mysteriöser Schaum“

Von explodierenden Schweineställen wird jetzt auch aus den USA berichtet. Zuletzt waren dort in Iowa 1500 Schweine ums Leben gekommen, als der Stall einer großen Farm in die Luft flog. Dass es dort offenbar vermehrt zu Unfällen kommt, schreiben amerikanische Forscher einem „mysteriösen Schaum“ zu, der sich auf der Gülle bildet. Sie vermuten, dass dieser durch neue Tiernahrung entsteht – haben aber noch keine Beweise für ihre Theorie.

Nach Ansicht westfälischer Landwirtschafts-Experten ist der Schaum jedoch kein neues Phänomen: Den habe es schon früher gegeben, selbst auf uralten Jauchegruben, sagt der Sprecher der Landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft. Allerdings ist auch den westfälischen Experten die Ursache nicht völlig klar. Der Schaum sei vermutlich ein Zeichen besonders hoher Bakterienaktivität.

Doch alle Spekulation um die Entstehung der Gefahr hilft nicht weiter, wenn die Bauern nicht den Rat der Präventionsexperten beherzigen: „Gegen die Explosionsgefahr“, betont Ludger Lohmann, „hilft nur extreme Vorsicht im Schweinestall.“

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Schweinegülle: Dünger und Energielieferant

Gülle, auch Jauche genannt, also die Exkremente von Schweinen, Rindern und Pferden, wird auf Bauernhöfen gesammelt und oft als Dünger auf den Feldern und Wiesen eingesetzt. Gülle enthält Stickstoff, Phosphor, Kalium und andere Nährstoffe.

Insbesondere Schweinegülle ist auch in Biogasanlagen zur Erzeugung von Energie gefragt. Denn die Ausscheidungen des Borstenviehs haben einen sehr hohen Methangehalt.

Die übermäßige Ausbringung von Gülle auf Feldern kann dazu führen, dass der ungesunde Nitratgehalt im Wasser steigt. Das ist besonders im Rheinland ein Problem, weil dorthin viele niederländische Landwirte ihre Gülle verkaufen.

In der „Düngeverordnung“ ist geregelt, wo und wann die Gülle ausgebracht werden darf. Weil dazu nur bestimmte Zeiten vorgesehen sind, muss sie nahe der Schweineställe in Silos gesammelt werden.

 
 

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