Eine Woche ohne Netz - so lebt es sich in der Offline-Welt

WR-Redakteur Dennis Betzholz mit einem alten Zeitungsband.
WR-Redakteur Dennis Betzholz mit einem alten Zeitungsband.
Foto: Ralf Rottmann
Dennis Betzholz, Redakteur der Westfälischen Rundschau, arbeitete sieben Tage ohne Internet, E-Mails und Handy. Er protokollierte dies in einem Tagebuch. Sein Fazit: Die (Arbeits-)Welt ist zu schnell, um langsamer zu treten. – Ein Nachruf.

Dortmund.. Ursprünglich sollten diese Zeilen ein Plädoyer für Entschleunigung werden, für mehr Muße, verfeinert mit einer Prise Leidenschaft für den Moment. Sie sollten die Sehnsucht aufgreifen, die rebellisch in jedem von uns schon mal die Stimme erhoben hat: Haltet die Welt an, sie rennt zu schnell. Sie sollten das triumphierende Resümee einer Woche werden, die eine Botschaft vermittelt: Ja, diese (Arbeits-)Welt geht auch ohne Internet, ohne E-Mails, ohne Handy. Doch diese Zeilen sind ein Nachruf geworden. Kein durchweg trauriger. Wohl aber mit ein wenig Wehmut.

Es ist Aschermittwoch, der Anfang allen Verzichts, und somit der ideale Tag, um einen außergewöhnlichen Selbstversuch zu unternehmen (allein, dass dieser „außergewöhnlich“ ist, zeigt die Dramatik!): sieben Tage ohne Internet, ohne E-Mails, ohne Handy. Und das als Journalist, in einer Branche, die sich – wie viele andere auch – in den vergangenen drei Jahrzehnten wahnsinnig gewandelt hat.

Ich, 26, gehöre zu einer Generation, die sie Internet nennen und die nun auf den Arbeitsmarkt spült. Niemand von uns hat jemals auf einer Schreibmaschine geschrieben, nie Fotos in der Dunkelkammer belichten oder für Ferngespräche zur Post gehen müssen. Nennen Sie es die Gnade der späten Geburt. Oder auch Pech. Es ist wie es ist: schneller denn je.

„Wir verblöden und vererben das auch noch“

Wie schwer es ist, die Welt 30 Jahre zurückzudrehen, spüre ich von der ersten Minute an. Nach nur zwei Stunden und 43 Minuten werfe ich die erste mir selbst auferlegte Regel über Bord – keine Anrufe auf die Handys meiner Gesprächspartner. Anruf bei der Stadtverwaltung, eine freundliche Dame nimmt ab: „Nein, der ist schon außer Haus. Aber Sie können ihn auf dem Handy erreichen.“ – „... das ist derzeit schlecht!“ – „Dann erreichen Sie ihn erst morgen wieder.“ „Morgen“ ist für eine tagesaktuelle Zeitung im 21. Jahrhundert in etwa so wie der Brötchen-Status „verbrannt“ beim Bäcker. Irgendwie zu spät. Also rufe ich ihn an, auf dem Handy.

Die sieben Tage ziehen sich. Alles ist mühseliger, jede beschaffte Information ein Kraftakt. Mein Denken verändert sich, es endet nicht beim Gedankenblitz „Google“. „Wir verblöden und vererben das auch noch“, sagt Prof. Dr. Michael Kastner, Organisationspsychologe an der TU Dortmund. Eine Untersuchung etwa zeigt, dass der Hypocampus, das Areal im Gehirn, das für Lage und Raum zuständig ist, bei Taxifahrern ausgeprägter ist als bei anderen Menschen. Seit es Navis gibt, bildet es sich zurück. Generation für Generation, immer weiter.

Suche im zerfledderten Straßenatlas

Es dauert nicht lange, da kommen die Unwägbarkeiten ins Spiel: ein Telefonbuch – liegt nur von Dortmund vor (für eine Redaktion, die die Region von Dortmund bis Siegen beackert, ist das mehr als suboptimal). Die Auskunft – ist verlagsweit gesperrt, zu teuer (verständlich: 1,99 Euro pro Minute). Das brauche ja auch niemand, es gäbe doch schließlich das Online-Telefonbuch, spottet der Kollege. Sehr witzig. „Tagesaktueller Journalismus ist ohne digitale Mittel heute nicht mehr möglich“, sagt Prof. Dr. Horst Pöttker vom Journalistik-Institut in Dortmund. Ersetzen Sie tagesaktueller Journalismus durch Verwaltung, Lehrer, Selbstständiger oder Bankangestellter und Herr Pöttker hätte auch damit Recht.

Was noch schlimmer ist: Ich falle zur Last. Frage in Lokalredaktionen nach Nummern, nach Ansprechpartnern, bitte Kollegen, meine Texte ins Netz zu stellen. Wo vorher zwei Klicks reichten, geht heute Arbeitszeit drauf. Teure Arbeitszeit, von mir und den Kollegen. Und mit den Kollegen verhält es sich wie mit den Telefonbüchern: Es braucht in einer Redaktion vermeintlich weniger, seitdem das Digitale das Arbeiten effizienter gestaltet.

Ich bin abgeschottet von der Flut an Informationen, suche im zerfledderten Straßenatlas die Wegbeschreibung zum Termin, schreibe erstmals einen Artikel auf der Schreibmaschine und nerve mit dem lauten Klacken der Tasten das gesamte Großraumbüro. Der Computer, ja das Internet, fehlt mir sehr. Ich bin nicht allein: Acht von zehn Unternehmen gaben 2009 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes an, nicht ohne das Internet auszukommen. Zudem denken zwei von drei Deutschen, ein Leben ohne Internet und Handy wäre heute nicht mehr möglich.

Die Welt rennt zu schnell, um selbst langsam zu treten

„Wir sind in ständiger Alarmbereitschaft, ohne ausreichende Rückzugsräume. Das trägt maßgeblich zu der steigenden Zahl an Burn-Out-Fällen bei“, sagt Stressforscher Kastner. Dieser Druck blieb mir sieben Tage erspart, ebenso wie unsinnige, aber fast standardmäßige Sätze: „Schreiben Sie uns Ihr eben genanntes Anliegen noch mal schnell als E-Mail, dann leiten wir das hausintern weiter!“ In den USA gibt es Firmen, die verbieten immer am Donnerstagnachmittag das Versenden von E-Mails. Es ist der Tropfen auf den heißen Stein, sicher. Wohl aber ein erfrischender. Nach einer Woche habe ich 51 ungelesene E-Mails, 80 Prozent waren verzichtbar.

Fakt ist: Die Arbeitswelt rast mehr denn je, ohne erkennbares Ziel, ohne Zwischenstopp: E-Mails, die SOFORT beantwortet werden müssen; Handys, die bis unter die Bettdecke lückenlose Erreichbarkeit garantieren; Internet, das uns einlässt in eine google-bequeme Welt, in der das Suchen nach Informationen nur Sekunden dauert. Schnell, schneller, digitale Welt. Verstehen Sie mich nicht falsch: Das Internet, das Handy – all das sind erstaunliche Technologien, die unser Leben tagtäglich einfacher machen. Wir haben nur nicht mehr die Chance, selbst zu entscheiden, ob wir all das überhaupt wollen. Schon gar nicht beruflich. Die Welt rennt einfach zu schnell, um selbst langsam zu treten.

Hier alle Folgen in chronologischer Reihenfolge

Sieben Tage offline

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