Der Präsident und die letzte Reihe

Ein brennendes Thema unter Fans und Funktionären: Pyrotechnik im Stadion.
Ein brennendes Thema unter Fans und Funktionären: Pyrotechnik im Stadion.
Foto: dapd
Zwar sank die Zahl der Festnahmen von 6784 auf 6061, doch die Gruppierung gewaltbereiter „Fans“ wächst kontinuierlich: Unter den fast 13 000 gewaltbereiten befinden sich sogar 3074 Gewalt suchende Anhänger – allein in den drei obersten Fußballligen.

Bochum. Wer die Begriffe Fußball und Gewalt in einem Satz zusammenrührt, muss sich Zeit nehmen. Zeit zum Ausloten, zum Diskutieren – wer sein Herz an den Fußball verloren hat, hat dazu eine Meinung. Reinhard Rauball, Präsident von Borussia Dortmund und der Deutschen Fußball-Liga (DFL), nimmt sich 120 Minuten plus Nachspielzeit. Es ist später Abend, die meisten Lichter in der Bochumer Ruhr-Universität sind bereits ausgeknipst, als Rauball den fast voll besetzten Hörsaal mit den Worten begrüßt: „Das Thema ist hochaktuell. Leider!“

Es sind Szenen wie diese am vergangenen Sonntag beim Düsseldorfer Wintercup, einem Freundschaftsturnier, die zuletzt regelmäßig für ein bundesweites Echo der Erzürnung sorgten: Böller fliegen während eines Spiels ihrer Mannschaft aus dem BVB-Block, Raketen werden gezündet. Szenen, die stellvertretend für eine Entwicklung stehen. Die Gewalt im Stadion nimmt zu: Zwar sank die Zahl der Festnahmen von 6784 auf 6061, doch die Gruppierung gewaltbereiter „Fans“ wächst kontinuierlich: Unter den fast 13 000 gewaltbereiten befinden sich sogar 3074 Gewalt suchende Anhänger – allein in den drei obersten Fußballligen. Dies geht aus dem Jahresbericht der Polizei hervor.

Jura-Student und „Ultras“ im Hörsaal

Im Hörsaal sitzen sie an diesem Abend Schulter an Schulter: die Jura-Studenten, die Fußball-Fans, die Ultras – und jene Minderheit, die ganz genau weiß, was passiert, wenn sie die Fäuste sprechen lassen. „Ich hab’ drei Jahre Stadionverbot“, lässt einer wissen. Als Peter Andres, der zuständige Dortmunder Polizist im Bereich Sport, daraufhin vom Pokal-Spiel gegen Dresden erzählt, von 1000 gewaltbereiten Fans, schallt ein anerkennendes „Dy-na-mo“ aus den hinteren Reihen. Als Rauball von der Borussen-Front erzählt, eine rechte Gewaltszene Anfang der 80er-Jahre, „die wir komplett eliminiert haben“, lachen die, die es offensichtlich besser wissen.

Die Atmosphäre hitzte immer wieder auf, und noch schneller wieder ab. Rauball leistete dazu seinen Beitrag: Wer auf klare Positionierungen hoffte, wartete vergeblich. Er wolle lieber zur Sachlichkeit zurückfinden und „einen ehrlichen, vernunftsorientierten Dialog führen.“ Schließlich sei Gewalt kein Fußball-, sondern ein Gesellschaftsproblem.

Polizei-Gewerkschaft nimmt Vereine in die Pflicht

Ansgar Schwenken, Finanzvorstand des VfL Bochum, sprach gar von einem Zwiespalt, in dem die Vereine stecken: „Ich schwäche mich als Verein mit Stadionverboten doch selbst.“ Eine Aussage, auf die auch Rauball bei späterer Nachfrage allergisch reagierte. Die hintere Reihe wird’s dennoch gefreut haben.

Bernhard Witthaut, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei, wurde gestern in

einer Pressemitteilung deutlicher: „Die Liga-Vereine müssen mit aller Konsequenz gegen Gewalttäter aus ihren Fangruppierungen vorgehen. Nur so kann die Gewaltspirale rund um den Fußball zurückgedreht werden.“ Der eingeschlagene Weg des Fan-Dialogs, so Witthaut, werde von einer Minderheit von Sportgewalttätern nicht beschritten.

„Das Problem wird uns noch mindestens zehn Jahre beschäftigen – und das werden wir nicht allein lösen können“, sagte Rauball. Vielmehr sei eine Allianz aus Verbänden, Fußballklubs, Polizei und Fans nötig. Allein: Für den harten Kern der „Ultras“ ist es standeswidrig, mit der Polizei zu reden. Sie fordern stattdessen eine Legalisierung von Bengalos in deutschen Stadien. In diesem Punkt vertritt Rauball an diesem Abend die einzig harte Linie der DFL: auf keinen Fall.

Rauball: „Wie beim Oktoberfest“

846 Personen (2009/10: 784) wurden in der vergangenen Spielzeit verletzt; darunter 243 Polizisten, 259 Störer – und 344 Unbeteiligte. Überwiegend durch Pyrotechnik. „Bei 750 Spielen pro Jahr, für die 18 Millionen Tickets verkauft wurden, ist das etwa ein Verletzter pro Spiel. Beim Oktoberfest würde man in so einem Fall von einem ruhigen Verlauf sprechen“, relativiert Rauball. Allein bei den letzten zwei BVB-Spielen der Meistersaison, plauderte Rauball bislang Unveröffentlichtes aus dem Nähkästchen, hätten sich 20 Dortmunder Anhänger verletzt.

Viele nicken betroffen. Und doch bleiben nach mehr als 120 Minuten viele Fragen offen. Aber ein Elfmeterschießen hatte Rauball nun wirklich nicht vorgesehen.

 
 

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