Der Fluch des Trikottausches - Herzinfarkt droht

Dennis Betzholz
Poul Dam (roter Kreis) vor seinem zweiten Länderspiel gegen Italien.
Poul Dam (roter Kreis) vor seinem zweiten Länderspiel gegen Italien.
Poul Dam bestritt genau zwei Länderspiele für die Faröer-Inseln. Beide Male tauschte er nach dem Spiel sein Trikot – mit Fabrice Muamba und Piermario Morosini. Beide erlitten kürzlich auf dem Platz einen Herzstillstand.

Thorshaven. Der Fußball schreibt, so abgedroschen das auch sein mag, seine eigenen Geschichten. Doch diese Geschichte, die des Poul Dam, einem Fußballspieler der Faröer-Inseln, ist eigentlich viel zu martialisch, viel zu abgedreht, um wirklich wahr zu sein. Poul Dam brachte es in seiner Karriere auf genau zwei Junioren-Länderspiele für den Inselstaat. Ein Mal spielte er gegen England, ein Mal gegen Italien. Nach beiden Duellen tauschte er mit dem Gegner das Trikot, ein Andenken für die Ewigkeit. Die Tauschpartner hießen Fabrice Muamba und Piermario Morosini. Beide, längst Profis, erlitten in den vergangenen vier Wochen auf dem Fußballplatz einen Herzstillstand. Morosini starb noch auf dem Rasen, die Bilder gingen um die Welt. Muamba war 78 Minuten klinisch tot, konnte aber gerettet werden.

Als die englischen Medien von dieser schier unfassbaren Geschichte Wind bekamen, tauften sie Poul Dam in feinfühlig, britischer Manier „den Todesengel von den Faröer“. Das Gefühl, irgendwie schuldig zu sein oder immerhin ein schlechtes Omen, kommentiert der heute 25-Jährige so: „Es macht mich einfach fertig!“

Er selbst will nicht darüber reden

Poul Dam ist kein begnadeter Kicker, in Deutschland würde sein Potenzial allemal für die Ascheplatz-Liga reichen. Der Erstligist, bei dem er als Innenverteidiger spielt, hat sein Stadion in der Hauptstadt Thorshaven. Mit 6000 Plätzen ist es das Aushängeschild auf der Insel. Alles ist kleiner, alles unprofessioneller. Es ist deshalb nicht schwer, den Mann, den sie in England Todesengel nennen, ausfindig zu machen. Beim Fußballverband der Faröer-Inseln, der den Fall als „außergewöhnlich“ betitelt, blättern sie eine Minute und nennen dann seine Telefonnummer. Man kennt sich eben.

Am späten Donnerstagnachmittag nimmt ein Mann auf den Faröer-Inseln ab. Es ist nicht Poul Dam, sondern sein Mitbewohner. Poul, Verkäufer in einem Modegeschäft, wolle nicht mehr darüber reden, er sei traurig, welche Wellen seine Geschichte weltweit geschlagen hat. „Es ist doch nur ein Zufall, ein Drama. Das weiß Poul auch – trotzdem ist er sehr traurig über all das“, seufzt er. Seine Gegner, nein, die haben nach wie vor kein Problem damit, mit ihm das Trikot zu tauschen. Warum auch?

Nach 78 Minuten schlägt Muambas Herz wieder – ein Wunder

Rückblende: Dam, ein kantiger Typ, war zarte 16, die Haare kurz geschoren, als er sich nach seinem ersten Länderspiel das Trikot von Fabrice Muamba sicherte. In den folgenden neun Jahren entwickelte sich eben jener Muamba vom Nachwuchstalent zu einem millionenschweren Erstliga-Akteur, zuletzt in Diensten der Bolton Wanderers. Und vermutlich wird Poul Dam in dieser Zeit häufiger das Trikot seines ehemaligen Gegenspielers aus dem Schrank geholt und mit Stolz daraufgeblickt haben. Bis zum 17. März, als ihn die Nachricht erreichte, Muamba sei in der 40. Spielminute des FA-Cup-Spiels gegen Tottenham Hotspurs zusammengebrochen. Wie durch ein Wunder konnte er gerettet werden. Nach 78 Minuten schlug sein Herz wieder. Die englische Liga stand wie Poul Dam unter Schock.

Auf den Tag vier Wochen später, wieder war es ein Samstag, brach mit Piermario Morosini vom AS Livorno der nächste Profi zusammen. Wieder während eines Fußballspiels, wieder mit Herzstillstand. Diesmal in der zweiten italienischen Liga. Und diesmal endete es tödlich. 5000 Menschen kamen zu der Trauerfeier. Im fernen Thorshaven, auf der Faröer-Insel, trauerte einer still mit. Einer, den Morosini sicher nicht mehr kannte. Poul Dam, den sie Todesengel nennen.