Behinderte bereiten jährlich 29 Tonnen Briefmarken auf

„Briefmarken für Bethel“ – vielerorts längst ein feststehender Begriff.
„Briefmarken für Bethel“ – vielerorts längst ein feststehender Begriff.
Foto: Reinhard Elbracht
Eine simple, doch zugleich geniale Idee wird 125 Jahre alt. Deutschlands größte Briefmarkenstelle Bethel bekommt im Jahr 128 Millionen gebrauchte Postwertzeichen zugesandt. Behinderte bereiten sie auf, dann werden sie an Sammler verkauft. Der Erlös fließt der Stiftung zu.

Bielefeld. Die Köpfe, die hier landen, sind echte Marken. Helmut Kohl geht hier neuerdings kalt baden, wenn er zu sehr klebt. Die Queen ist längst Stammgast und wird trotzdem sofort aussortiert, falls ihr ein Zacken fehlt. Und wer – von wem auch immer – irgendwann mal abgestempelt wurde, bekommt hier garantiert noch eine zweite Chance. Nicht nur jetzt, im Jubiläumsjahr.

Hineinspaziert in Deutschlands größte Briefmarkenstelle, die so versteckt hinter schweren Türen dieses mehrstöckigen Stiftungs-Gebäudes liegt und doch von so vielen Menschen aus aller Welt per Post erreicht wird. Bethel in Bielefeld – das ist längst mehr als der Traum eines jeden Sammlers. Bethel ist der Ursprung einer karitativen Idee, die 125 Jahre später auch in Hagen, Dortmund und Gevelsberg behinderte Menschen beschäftigt. Das Prinzip ist so simpel wie genial: Bethel bittet um gebrauchte Briefmarken, die dann von 125 kranken oder behinderten Menschen aufbereitet werden und an Sammler wieder verkauft werden. Der Erlös fließt zurück in die Stiftung, die damit wiederum die Arbeitsplätze finanziert.

Trotz E-Mails brechen die Briefmarken-Sendungen nicht ein

Die gelben Pakete und Kisten stapeln sich meterhoch, und doch winkt Leiterin Ulrike Kaiser an diesem verregneten Nachmittag ab: „Heute ist es mau!“ Tags zuvor seien es doppelt so viele gewesen – und kurz vor Weihnachten, ach, da hätten sie sich in den Briefmarken-Bergen fast verstecken können. 128 Millionen Stück fanden allein im vergangenen Jahr den Weg nach Bethel. Das sind umgerechnet 29 Tonnen – vergleichbar mit dem Gewicht von sechs ausgewachsenen Elefanten.

50 Jahre Bodelschwinghsche Stiftungen„Als der Siegeszug der E-Mail begann, dachte ich: ‘Auweia, das ist der Anfang vom Ende!’“, erzählt Sprecher Jens Garlichs. Und das war nicht die einzige Sorge: Dem Briefmarkensammeln haftete mehr und mehr ein verstaubtes Image an, die Sammler-Generation drohte auszusterben. Und doch kam es anders. Warum, das wagt Garlichs nur zu vermuten: „Vielleicht sind die Leute fasziniert davon, dass sie mit einfachen Mitteln Gutes tun können.“ Schulen, Vereine, gar ganze Städte sammeln für Bethel. Allein die Stadt Bad Schwartau in Schleswig-Holstein sandte neulich mehr als acht Millionen Briefmarken nach Ostwestfalen.

Ein Kilo „Deutschland“ für 24,50 Euro

Sortiert, gestempelt, postfrisch, deutsch, ausländisch, mit oder ohne Papier, 100 Gramm oder vielleicht gleich den 20-Kilo-Sack? Aus Albanien oder Zypern? Für die, die jetzt nur Briefmarke verstehen, gibt’s ein Kilogramm von der bunten Mischung. „Das ist unser Verkaufsschlager“, frohlockt Kaiser, „ein Überraschungspaket.“ Ein Kilo „Deutschland“ kostet heute 24,50 Euro.

Früher ging das eher nach Augenmaß: eine Handvoll für 20 Pfennig, eine Mütze voll für 50 Pfennig. Die Exoten sind damals und heute weitaus teurer. Vor einigen Jahren schlug hier eine anonyme Spende auf, die noch immer in der Sammlung ausharrt: Vier Briefmarken auf Büttenpapier im Original-Block von der Verkehrsausstellung München ‘53. Auflage: nur 100 Stück. Wert: 17 000 Euro. Die Welt der Sammler, sie ist nur eine Facette Bethels.

Die Welt der Angestellten

In der anderen Welt leben Laureen Gäde, 31, und Kai-Uwe Nitzschke, 35. Sie beide leiden unter Epilepsie. Gäde arbeitete zuvor in der Hotellerie, „doch der Druck des ersten Arbeitsmarktes wurde zu groß“. Nitzschke studierte Geologie, wollte Dinosaurierforscher werden, bis ihn ein Zeckenbiss, der zu einer Hirnrindenentzündung führte, seiner Ziele beraubte. Heute öffnen sie und ihre Kollegen Briefe und Pakete, sortieren geduldig Tausende Marken, legen sie mit der Pinzette in Wasserwannen, ordnen sie in die Sammelboxen ein, adressieren Dankesschreiben an die Spender, und sagen von sich: „Das wollte ich immer schon machen.“ Laureen Gäde sagt sogar, sie liebe Briefmarken. Sammeln tut sie diese nicht. Dürfte sie auch gar nicht. Dies ist eine der wenigen Voraussetzungen, um hier arbeiten zu dürfen. „Das hier ist die größte Briefmarkensammlung Deutschlands“, sagt ihre Chefin, „Das wäre viel zu verführerisch.“

 
 

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