160 Obstsorten in einem einzigen Garten

Klaus Schulte und Michael Breitsprecher pflegen Streuobstwiesen im Märkischen Kreis. Foto: Fabian Paffendorf
Klaus Schulte und Michael Breitsprecher pflegen Streuobstwiesen im Märkischen Kreis. Foto: Fabian Paffendorf
Foto: Fabian Paffendorf
Früher rollten hier Panzer. Jetzt entsteht in Hemer ein kleines Obstbaum-Paradies.

Hemer.. Mehr Auswahl für Eva! Vielleicht wäre das ja unser aller Chance gewesen, damals im Paradies. Sagen wir mal, Eva hätte vor 160 verschiedenen Obstbäumen gestanden, wie man sie jetzt — frisch gepflanzt – in Hemer im Märkischen Kreis besichtigen kann. Hätte sich die erste Frau der Schöpfung da wirklich entscheiden können, von welchem der vielen Bäume sie unser aller Verderben pflückt.

Reichlich Auswahl wäre ja da, erklärt Michael Breitsprecher vom Naturschutzzentrum des Märkischen Kreises. Weit über 1000 Apfel- und Birnensorten seien im 19. Jahrhundert aktenkundig gewesen. Doch Mitte des 20. Jahrhunderts begann der Niedergang der heimischen Streuobstwiesen. Seit etwa 20 Jahren versuchen nun Naturschützer, den hochstämmigen Obstbäumen, unter denen vorzugsweise Schafe grasen, wieder mehr Raum in unserer Landschaft zu verschaffen. Auf dass man die Qual der Wahl hat zwischen Gravensteiner, Danziger Kantapfel, Edelborsdorfer, Roter Walze, Charlamowsky oder Roter Sternrenette. Aber mache man sich nichts vor: Bis zur ersten Ernte ist immer viel Arbeit zu tun.

Es ist kalt und klar. Ein Tag, wie geschaffen für den Obstbaumschnitt. Sonnige Wintertage verbringen Michael Breitsprecher und sein Kollege Klaus Schulte grundsätzlich in den Bäumen. Die jungen Obstbäume werden jetzt erzogen. Das heißt, dass mit fachkundigen Schnitten im Geäst die Grundlage für eine schöne Baumkrone gelegt wird. „45 Minuten pro Baum muss ich einplanen“, erklärt Schulte. Die Natur revanchiert sich beim ausgewachsenen Obstbaum später mit bis zu 500 Kilo Früchten als Ertrag in guten Jahren.

Rund 25 Hektar Obstwiesen mit etwa 2000 Bäumen bewirtschaftet allein das in Lüdenscheid ansässige Naturschutzzentrum. Doch es geht nicht nur darum, seltene Obstsorten zu erhalten. Michael Breitsprecher erklärt, dass solche Wiesen, deren Fläche in NRW in den letzten 40 Jahren um 74 Prozent zurückgegangen ist, ein wichtiger Lebensraum für Tiere sind. Der Obstbaum ist quasi die Etagenwohnung der Natur. Schauen wir auf einige Klingelschilder: An der Wurzel leben Feld- und Spitzmaus, am Stamm Holzkäfer und Holzwespe. Im Astloch ist Platz für den Steinkauz, von dem es nur noch 5400 Brutpaare in NRW gibt. Und das ganze Haus umschwirren Honig-, Wildbienen, Hummeln und Schmetterlinge.

Auch Paradiese benötigen PR

Man glaubt es nicht: Auch solche Paradiese benötigen heutzutage PR, große Schutzprogramme oder kleinere Hofladen-Aktionen mit der mobilen Saftpresse „Obst auf Rädern“. Wer sorgt sich denn sonst um etwas, das derart spröde wie die Streuobstwiese heißt. „Information ist wichtig – und eine Geschichte“, weiß Breitsprecher. Und deshalb haben die Naturschützer aus Lüdenscheid mit vielfältiger Unterstützung – etwa der NRW-Stiftung und Förderprogrammen des Landes – jetzt einen Garten angelegt, der lehrreich ist und noch dazu eine Aufsehen erregende Historie hat. In Hemer, wo eine Landesgartenschau 2010 schon die frühere Blücher-Kaserne in einen Park verwandelte, pflanzten sie in diesem Winter Westfalens sortenreichsten Obstgarten auf das Gelände des alten Standortübungsplatzes. „Rasenmäher könnte man hier nie einsetzen“, beschreibt Breitsprecher eine der Eigenheiten der weitläufigen Wiese. Das Rollen der Panzer hat Narben und Mulden in der Landschaft hinterlassen, die zwingend den Mäheinsatz von Schafen erfordern.

In einer langen, geschwungenen Zweierreihe säumen nun 160 verschiedene Obstbäume den Spazierweg auf der Rückseite des Sauerlandparks. Alle Bäume haben genetische Vorfahren in der Region. Manche sind so selten, dass niemand den Namen ihrer Art überliefert hat. Da wurden dann die Lüdenscheider Naturschützer kreativ und gaben der „Eisborner Zuckerbirne“ oder dem „Halinger Luisenapfel“ ihre Namen fürs 21. Jahrhundert. Gesucht werden nun noch Baumpaten, die sich mit einem Einmalbetrag von 150 Euro um die richtige „Erziehung“ eines Jungbäumchens in den nächsten zehn Jahren kümmern. Als Gegenleistung gibt es eines Tages Apfelsaft aus Früchten des Patenbaums.

An ernsthaftes Ernten im großen Maßstab ist frühestens in zehn Jahren zu denken. Michael Breitsprecher hat in der Zwischenzeit nichts dagegen, wenn Spaziergänger mal eine Probierfrucht pflücken. „Aber ich möchte nicht, dass die Menschen dann mit Leiter und Kiste anrücken“, sagt er. Das könnte dann die Vertreibung aus diesem Paradies zur Folge haben.

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