Warum Unfälle mit dem Pedelec so oft schlimme Folgen haben

Martin Schroers
Unfallrisiko Pedelec: 257 Radfahrer verletzten sich 2015 schwer.
Unfallrisiko Pedelec: 257 Radfahrer verletzten sich 2015 schwer.
Foto: Polizei Rheinisch-Bergischer Kreis
Aktuelle Zahlen belegen: Zehn Pedelec-Fahrer aus NRW starben 2015 nach Unfällen. Hinzu kommen viele Schwerverletzte. Ist die Helmpflicht eine Lösung?

NRW. Die aktuellen Zahlen des Landesamts für Statistik sind alarmierend: 2015 gab es in NRW 845 Unfälle mit Pedelec-Fahrern. Sehr oft sind die Folgen für die Beteiligten heftig: 257 Menschen erlitten schwere Verletzungen, für zehn Personen endete der Crash sogar tödlich. Ein Experte der Verkehrswacht NRW fordert deshalb nun eine Helmpflicht. Der Fahrrad-Club ADFC sieht die Risiken dadurch nicht beseitigt.

Schöne Herbsttage laden zu ausgedehnten Radtouren ein. Gerade ältere Menschen schwingen sich dabei immer häufiger auf ihr Pedelec. 2,5 Millionen Deutsche nutzen Fahrräder mit Elektromotor - Tendenz steigend. Kleine Steigungen werden dank Motorunterstützung fast mühelos bewältigt, Konditionsdefizite spielen keine Rolle. Für manche endet der Ausflug aber tragisch. Warum sind Pedelecs so häufig in Unfälle verwickelt? "Es ist eine Kombination aus der relativ hohen Geschwindigkeit, dem Alter der Fahrer sowie der Tatsache, dass viele ohne Helm unterwegs sind", erklärt Ulrich Faßbender, Sprecher der Polizei Essen/Mülheim. Autofahrer würden die Geschwindigkeit der Pedelecs häufig unterschätzen. Der Motor liefert bis zu einer Geschwindigkeit von 25 km/h Unterstützung.

Streitpunkt Helmpflicht

Die Zahlen belegen, dass der Unfallschwerpunkt im Bereich der Senioren liegt. Von den 257 Schwerverletzten aus 2015 waren allein 88 über 75 Jahre alt. "Ältere Menschen sind im Falle eines Sturzes nicht mehr so beweglich. Sie rollen sich nicht so ab wie ein junger Mensch", sagt Karl-Heinz Webels, Vorstandsmitglied der Verkehrswacht NRW. Vor zwei Jahren stürzte er selber mit dem Pedelec schwer, landete mit Rippenbrüchen und einer Lungenquetschung auf der Intensivstation. "Mein Helm hat mir damals das Leben gerettet", ist er überzeugt. Webels plädiert für eine Helmpflicht: "Am Kopf ist das Verletzungsrisiko bei Radfahrern besonders hoch."

Für Pedelecs bis 250 Watt gibt es diese Helmpflicht noch nicht. Für die S-Pedelecs (Leistung bis 400 Watt) existiert sie bereits. Für Daniel Wegerich, Geschäftsführer des ADFC NRW, würde der Gesetzgeber mit einer Helmpflicht nicht an der entscheidenden Schraube drehen: "Natürlich empfehlen wir, einen Helm zu tragen. Das eigentliche Problem ist aber die Infrastruktur der Verkehrswege", meint er. Gerade an schweren Unfällen seien Geisterfahrer beteiligt, die entgegen der Fahrtrichtung unterwegs sind, weil es auf ihrer Seite keinen Radweg gibt.

Vielen Anfänger fehlt die Praxis im Straßenverkehr

Einig sind sich die Experten darin, dass den Pedelec-Anfänger zu oft die Praxis auf der Straße fehlt. "Sie haben eine längere Pause hinter sich und möchten dann wieder aktiv werden. Das birgt ein Risiko", erläutert Wegerich. In sieben der zehn Todesfälle gingen die Pedelec-Fahrer als Hauptverursacher in die Statistik ein. Das Gleichgewichtsgefühl sowie die Übersicht im Straßenverkehr gingen bei einer längeren Rad-Auszeit verloren, warnt der ADFC-Geschäftsführer. "Mit der Technik des Pedelecs muss man sich ebenfalls vertraut machen.". Deshalb bieten die Kreisverbände des Fahrrad-Clubs regelmäßig Übungseinheiten an. Die Nachfrage nach solchen Angeboten ist groß: Bei einem Schnupperkurs der Verkehrswacht Essen nahmen im Juni über 150 Pedelecfahrer teil. Eine Wiederholung im Jahr 2017 ist in Vorbereitung.

Trotz der höheren Unfallgefahr sagen die Fachmänner unisono: Das Pedelec ist für seine Nutzer ein großes Stück Lebensqualität. "Ich bin selber lange Rennrad gefahren und nun auf das Pedelec umgestiegen. Es ist eine wunderschöne Geschichte, die vielen Menschen ermöglicht, länger aktiv zu sein. Der Sicherheitsaspekt muss aber stets Priorität haben", fasst Polizeisprecher Faßbender zusammen.