Düsseldorf

Warum man in Düsseldorf nicht mal tot überm Zaun hängen will - und was die Stadt vom Ruhrgebiet lernen kann

Foto: Peter Sieben

Düsseldorf. In Düsseldorf möchte man bald nicht mal tot überm Zaun hängen. Weil das zu teuer ist.

Denn irgendein findiger Geschäftsmann wird einem künftig wohl auch für das bloße Hängen noch eine horrende Miete abknöpfen. Wohnen in Düsseldorf ist kostspielig. Und wird immer kostspieliger. Das hat schlimme Konsequenzen.

Immerhin gibt es im Ruhrgebiet noch Zäune

Vor ein paar Jahren hat ein Düsseldorfer OB mal gesagt, dass er im Ruhrgebiet nicht mal tot überm Zaun hängen wolle. Die Empörung im Revier war groß. Heute kann man dem Ex-OB entgegenhalten: Immerhin gibt es im Ruhrgebiet noch Zäune.

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So ist die Lage im Westen: Einmal wöchentlich kommentiert DER WESTEN-Redakteur Peter Sieben in dieser Kolumne Themen, die uns in NRW bewegen.

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Denn in Düsseldorf wird derzeit alles plattgemacht, um Platz für Wohnraum zu machen. Klar, Wohnungen sind knapp, die Not ist groß. Schlecht aber ist: Die meisten der Wohnungen, die hier entstehen, können sich Normalverdiener kaum leisten. Irgendwann ist die Landeshauptstadt nur noch eine große graue Luxuswohnburg - schick mit Sichtbeton, Glasfront und abschließbaren Innenhöfen, deren alarmgesicherte Panzertore den Pöbel fernhalten.

Alles wird abgerissen

Wenn man so durch Düsseldorfs Viertel schlendert, hat man das Gefühl: Alles, was Charme hat, wird abgerissen. Im Stadtteil Bilk muss bald das ehemalige Gelände der Schraubenfirma Max Mothes dran glauben. In die Industriehallen war das „Boui-Boui“-Zentrum eingezogen, die Bilker lieben es: Es gibt regelmäßig Live-Konzerte, Flohmärkte, Street-Food-Festivals. Bald ist Schluss damit.

Ähnlich war es mit dem ehemaligen Postgebäude am Hauptbahnhof: Ein paar schöne Monate lang gab es hier kreative Popup-Restaurants. Die mussten weichen, obwohl die Düsseldorfer das Konzept feierten.

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Gut betuchte neue Mieter verstopfen mit ihren SUVs die Straßen

Und rund um das alte Landgericht protzt jetzt das „Andreasquartier“ mit verdunkelten Glasfronten: Zwischen Mühlenstraße und Ratinger Straße, mitten im Herzen der Altstadt. Da, wo mal der Punk geboren wurde, wohnt jetzt vornehmlich der Prunk. Wo Menschen seit Generationen in den Düsseldorfer Kneipen feiern, beschweren sich jetzt manche der gut betuchten neuen Mieter über den Feierlärm.

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Noch lebt es sich lebenswert in dieser Stadt, die immer noch wunderbare Ecke hat. Aber wenn der Bauwahn so weiter geht, dieses Anbiedern an den dicksten Geldbeutel, dann verkommt Düsseldorf zum toten Luxusghetto.

Klagen über heruntergekommene Viertel

Im Ruhrgebiet ist das anders. Es ist bei weitem nicht so, dass in den Revierstädten alles glatt laufen würde - und Gründe zum Klagen über verwaiste Innenstadtbereiche und heruntergekommene Viertel gibt es zur Genüge.

Doch wenn es dem Ruhrgebiet an etwas nicht mangelt, dann ist es Charme. Das liegt auch daran, dass man hier rechtzeitig beschlossen hat, Dinge zu erhalten. Die Zechen und die Industrieviertel, die das Ruhrgebiet zu dem machen, was es ist. Nicht einfach alles abzureißen, sondern die Flächen den Bürgern zurückzugeben - und nicht nur denen zur Verfügung zu stellen, die es sich leisten können.

Vom Ruhrgebiet lernen

Der Landschaftspark Nord in Duisburg etwa oder der Emscherpark in Dortmund: Hier kann jeder durch die stimmungsvollen alten Industrieanlagen spazieren. Hier ist Platz und Raum für alle. Oder das Pact in Essen: Künstler schaffen in den ehemaligen Kauen Kreatives. Und natürlich Zeche Zollverein: Ein Weltkulturerbe - man stelle sich vor, das Gelände wäre abgerissen worden, um Platz für schicke Wohnungen zu machen, und schlage die Hände über dem Kopf zusammen.

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Düsseldorf, dieser Klassenstreber, sitzt in seinem Lacoste-Shirt in der ersten Reihe und fühlt sich ganz wohl in seiner frisch gepeelten Haut. Und dann schaut es gern mitleidig und von oben herab auf das Ruhrgebiet, wie es da mit seinen Flicken auf den Knien in der Reihe dahinter hockt. Düsseldorf wird das nicht gerne hören, aber: Die Stadt kann vom Ruhrgebiet etwas lernen. Zum Beispiel, dass es nicht immer nur ums Geld geht, sondern auch um die ganz normalen Menschen, die in einer Stadt leben. Und Schuldenfreiheit wird spätestens dann zu einem traurigen Wort, wenn eine Stadt, die sich damit schmückt, irgendwann nur noch ein steriler Haufen Beton für Reiche ist.

 
 

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