Warum Erdogan heute nicht zum Steiger-Award kommt

Ulrich Reitz
In den vergangenen Tagen ist heftig diskutiert worden, ob es würdevoll oder würdelos ist, dem türkischen Ministerpräsident Erdogan den Steiger-Award zu verleihen. WAZ-Chefredakteur Ulrich Reitz erklärt, weshalb Erdogan heute nicht nach Bochum kommt. Ein Kommentar.

Bochum. Der türkische Regierungschef Erdogan hat seinen Deutschland-Besuch abgesagt. Das ist eine Selbstverständlichkeit. Gestern Nachmittag ist ein Hubschrauber mit türkischen Soldaten in der afghanischen Hauptstadt Kabul auf ein Haus gestürzt. Tote afghanische Zivilisten, zwölf tote türkische Soldaten. Eine Kriegstragödie.


Sie macht aber auch deutlich, dass dieser tragische Unfall einem Verbündeten widerfuhr. Einem Nato-Partner auch Deutschlands. Deutsche lassen Opfer in Afghanistan, Türken lassen Opfer in Afghanistan. Beide Länder kämpfen auf derselben Seite. Das ist das Wesen einer militärischen Solidargemeinschaft.

Steiger-Award für Erdogan - würdevoll oder würdelos?

Es hat in den vergangenen Tagen eine heftige Diskussion gegeben um die Person des türkischen Regierungschefs. Es ging um den Steiger-Award und im Kern um die Frage, ob es würdevoll oder würdelos war, Erdogan die Ruhrgebiets-Auszeichnung zu verleihen. Ex-Kanzler Gerhard Schröder war gebucht für die Laudatio. Schröder hätte, das konnten wir erfahren, nicht eine plumpe Lobhudelei abgeliefert. Der Sozialdemokrat hätte auf die demokratischen Defizite in der Türkei hingewiesen. Auf die Unterdrückung von Minderheiten, auf die unzureichende Pressefreiheit in dem Land. Aber er hätte eben auch darauf verwiesen, dass die Türkei unter Erdogans Führung auf dem Weg sei - dem richtigen. An dieser Stelle wäre dann Widerspruch angebracht gewesen.


Man mag das unterschiedlich beurteilen. Man kann glauben, der Organisator der Glamour-Veranstaltung sei politisch naiv gewesen. Mit Protesten, sogar von sehr vielen Menschen, hätte man rechnen müssen. Kurden und Aleviten sind politisch außerordentlich aktiv, etliche Tausend waren für heute in Bochum erwartet worden. Aber eins ist auch richtig: Erdogan ist nicht ein übler Diktator wie Syriens Assad. Und wenn man die gerade für das Ruhrgebiet so wichtige Einwanderung ehemaliger türkischer Gastarbeiter feiern möchte: Im Ernst, wen hätte man eher einladen können als den obersten Repräsentanten der türkischen Regierung? Und der heißt nun einmal: Erdogan.


Das schließt ja Kritik an ihm und an der derzeitigen türkischen Politik nicht aus, im Gegenteil. Sie ist sogar dringend nötig und ist auch unter Nato-Partnern erlaubt. Und sicher ist es ein großer Schönheitsfehler, diesen Toleranz-Preis ausgerechnet an Erdogan zu vergeben. Man kann es am allerwenigsten den auf diese Werte abonnierten Ruhrgebietsbürgern verübeln, sauer darauf zu reagieren. Aber es gilt auch: Reden ist besser als Nicht-Reden. Erst Recht, wenn man es mit einem Verbündeten zu tun hat. Wollen wir hoffen, dass heute Abend auf dem Steiger angemessen der türkischen und afghanischen Opfer gedacht wird.