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Warum die Mitarbeiter der Autobahnmeisterei mehr Respekt verdient haben

Peter Sieben
Wirklich wahr: Manche Autofahrer beschimpfen und bewerfen Autobahn-Arbeiter. Und das bloß, weil sie ihren Job machen.
Wirklich wahr: Manche Autofahrer beschimpfen und bewerfen Autobahn-Arbeiter. Und das bloß, weil sie ihren Job machen.
Foto: dpa
  • Täglich beschimpfen frustrierte Fahrer Straßenwärter an Autobahnbaustellen
  • Manche bewerfen sie sogar mit Gegenständen
  • Die Straßenmeisterei-Mitarbeiter sagen: Wir machen unsere Arbeit nicht, um Autofahrer zu ärgern

Essen. Mein Lenkrad könnte ich meinem Zahnarzt überlassen. Falls der mal einen Zahnabdruck von mir braucht: Tausend Mal hab ich (zumindest gedanklich) in das Ding reingebissen. Vor Wut. Weil ich schon wieder in einer dieser Sch...-Autobahnbaustellen stand.

Doch jetzt rege ich mich nicht mehr auf. Den Zahn hat man mir gezogen: Auf der A46.

Das ist purer Stress

Ich stehe mitten auf der Autobahn. Auf dem Mittelstreifen. Die Autos rasen so dicht vorbei, dass mir fast die Luft wegbleibt. Und nur eine gedachte Linie zwischen ein paar roten Verkehrshütchen trennt mich von ihnen. Das ist purer Stress.

Doch Alexander Wermeter rupft in aller Seelenruhe Unkraut weg, das an der Leitplanke emporwächst. Als würde er entspannt im Garten arbeiten.

„Macht Ihnen das denn nichts aus?“, frage ich Alexander Wermeter und zeige auf die rasende Autokolonne um uns. Ich muss ihn regelrecht anschreien, um den tosenden Autobahn-Lärm zu übertönen.

„Och ja“, sagt er nur lakonisch und wirft die elektrische Heckenschere an: „Man gewöhnt sich an alles.“ Wermeter arbeitet seit 25 Jahren bei der Autobahnmeisterei. Heute entfernen er und seine Kollegen Grünzeug vom Mittelstreifen, damit es nicht in die Fahrbahn ragt und Autofahrer gefährdet.

„Manche grüßen uns mit dem Mittelfinger“

Die Arbeit macht ihm Spaß, erzählt er. Nur eine Sache, die nervt ihn gewaltig. „Manche Autofahrer grüßen uns gern mal mit dem Mittelfinger“, sagt Wermeter.

Das sei Standard. Bei jeder Baustelle. „Die Leute hupen dann auch oder beschimpfen uns. Als wenn wir was dafür können, dass da jetzt eine Baustelle ist.“

Auch heute ist das so: Gefühlt jeder zwanzigste Autofahrer drückt einmal auf die Hupe. Und dann kommt tatsächlich einer vorbei, der den Mittelfinger reckt. Aus Frust. Dabei ist noch nicht mal Stau. Nur die Geschwindigkeitsgrenze ist heruntergesetzt: Auf 80 Stundenkilometer.

„Manchmal fliegen auch Gegenstände“

Wermeters Kollege Dietmar Schloßmacher nimmt es gelassen. „Solange es nur Handzeichen sind, geht es ja noch. Manchmal fliegen aber auch Gegenstände.“

Einmal habe jemand ein Feuerzeug aus dem fahrenden Auto nach ihm geworfen. Und ein anderes Mal fuhr einer so dicht an ihm vorbei, dass er mit seinem Seitenspiegel sein Bein erwischte. „Das tat schon verdammt weh“, sagt der Straßenwärter. Der Fahrer fuhr einfach weiter.

Die allermeisten Fahrer seien vernünftig, sagt Alexander Wermeter. „Ich kann ja auch verstehen, dass die Leute dann sauer sind, wenn sie auf dem Weg zur Arbeit durch die Baustelle müssen.“

Der Standard-Vorwurf: Warum ist da niemand auf der Baustelle?

Aber: „Wir sind ja nicht zum Spaß auf den Baustellen oder um irgendwen zu ärgern. Unser Job ist, die Straßen in Stand zu halten und für alle Autofahrer sicher zu machen.“

Ein Klassiker unter den Vorwürfen, die von manchen Autofahrern kommen: Da arbeitet ja keiner auf der Baustelle, warum sehe ich da niemanden? Wermeters Antwort: „Wir haben natürlich auch manchmal Pause. So wie jeder andere auch. Natürlich ist nicht 24 Stunden am Tag jemand auf der Baustelle.“

Allein das Absperren kostet viel Zeit und Vorbereitung

Manchmal seien Baustellen auch vermeintlich leer, weil sie erst noch abgesperrt werden müssten. Allein das kostet viel Zeit und Planung. „Wir können ja nicht einfach mit dem Bauwagen irgendwo anhalten und Verkehrshütchen aufstellen“, sagt der 46-Jährige.

Hin und wieder rufen Autofahrer auch in der Straßenmeisterei an, erzählt Wermeter. Um sich zu beschweren, weil wieder irgendwo Stau in einer Baustelle ist. „Das Schöne ist: Wenn man dann mit den Menschen redet und ihnen erklärt, warum das jetzt gerade so ist, dann beruhigen sie sich meistens.“

Ich will versuchen, das Pathos so klein wie möglich zu halten. Aber falls ich jemals bei der Autobahnmeisterei anrufen sollte, dann nicht um mich zu beschweren. Seit ich weiß, was das für ein Knochenjob dort ist, werde ich sagen: Danke.

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