Warnung in nur sieben Minuten

Krefeld..  Am 8. September 2011 bebte in Goch die Erde. Die Menschen griffen zu ihren Telefonen, um die Polizei und die Feuerwehr anzurufen, doch die Ordnungshüter wussten selbst nicht, wo und wie gefährlich das Beben war. Die Leitungen waren verstopft. Um einen solchen Fall zu verhindern, entwickelte der Geologische Dienst NRW im Auftrag des Ministeriums für Wirtschaft, Energie, Industrie, Mittelstand und Handwerk das Erdbebenalarmsystem (EAS). Die niederreinische Bucht zählt zu den erdbebengefährdetsten Regionen Deutschlands. Gestern startete der Leiter des Instituts in Krefeld, Prof. Dr. Josef Klostermann, das System, das in Zukunft für eine rasche Lokalisierung und Einschätzung von Erschütterungen sorgen soll.

Ungefähr einmal im Jahr wird die niederrheinische Bucht von einem spürbaren Erdbeben, das ist eine Magnitude von mindestens 2,5 auf der Richter Skala, in Bewegung gesetzt. Weil am Niederrhein die Erdkruste auseinanderbricht, registrierte der Dienst seit Beginn der Aufzeichnung 1980 über 2000 Erdbeben. Die meisten verlaufen harmlos, werden von einem Großteil der Bevölkerung nur selten wahrgenommen. Anders 1992: Als sich am 13. April um 3.20 Uhr in der Nähe von Roermond die Schollen bewegten, schwankte das gesamte Rheinland. Mit einem Wert von 5,9 auf der Skala war es das stärkste Beben in Mitteleuropa seit 1756. 30 Menschen wurden durch herabfallende Ziegel und Äste verletzt, in Köln fiel eine 400 Kilo schwere Kreuzblume aus Naturstein vom Dach des Domes, die Versicherungen bezifferten den Schaden auf 40 Millionen Euro.

Statistisch alle 15 Jahre ein Schadenbeben

Statistisch gesehen kann alle 15 Jahre ein Schadenbeben auftreten. „Erdbeben sind nicht regelmäßig zu prognostizieren. Erdbeben kommen unerwartet und überraschend“, sagte Dr. Klaus Lehmann, Leiter des Erdbebendienstes, bei der Vorstellung. Vor allem die Region um Aachen, Düren und Jülich gilt als besonders gefährdet.

Bei einer Stärke von 3 auf der Richter-Skala ist ein leichtes Zittern zu spüren, Regale können etwas schwanken. Allerdings kommt es dabei auf die Tiefe und die Nähe zum Epizentrum an. Vorhersagen sind beinahe unmöglich, Informationen sammeln und verbreiten aber nicht. 14 Stationen, etwa in Pulheim, Großhau, Wassenberg und Todenfeld, betreibt der Geologische Dienst, jede ausgerüstet mit Seismometer, AD-Wandler, Computer und Modem. Die Daten laufen zum Landesstatistikamt in Düsseldorf und nach Krefeld. Von dort aus wird eine E-Mail an das Ministerium, die Landesleitstelle der Polizei und Feuerwehr geschickt, die Informationen ins Internet gestellt. Bei einem Testlauf am 13. Mai 2015 bei einem leichten Beben 4 km südöstlich von Spa (Belgien) benötigte das EAS rund vier Minuten. Sieben Minuten sollen nicht überschritten werden, um so dem Kollaps der Leitungen zuvor zu kommen.

Bislang mussten die Daten manuell bearbeitet werden. „Im Schnitt einen halben Tag“, habe der Vorgang gedauert, erinnert sich Dr. Peter Müller. Dabei dauert ein erstes Beben nur einige Sekunden.

Um 11.41 Uhr setzte Klostermann mit einem virtuellen Buzzer das System mit dem mannshohen Hochleistungsrechner einer Münchener Firma und den vier Bildschirmen in Gang. Mehrere Hunderttausend Euro habe das EAS gekostet. „Dafür haben wir etwas, was funktioniert“, meinte Klostermann. Das Institut und, so lässt sich NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin zitieren, „sind stolz, durch das EAS ein zusätzliches Plus an Sicherheit für unser Land anbieten zu können“.

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