Von Aachen bis Paderborn – Eine Reise mit dem NRW-Express

Aus dem Zweiten sieht man besser: Blick vom zweiten Deck des RE1.
Aus dem Zweiten sieht man besser: Blick vom zweiten Deck des RE1.
Foto: Hermsen
Nordrhein-Westfalen wird 70 Jahre alt. Das feiern wir. Mit einer kleinen Serie. Und zum Auftakt fahren wir quer durchs Land. Mit dem NRW-Express.

Essen.. 12.45 Uhr, Gleis 2, Hauptbahnhof Aachen. Tiefer in den Westen kann man auf Schienen in NRW nicht kommen. Gut, der Aachener Westbahnhof, nur einen kleinen Spaziergang am Karlsdom vorbei entfernt, liegt (logisch!) noch westlicher. Er ist aber, ganz ehrlich, keine Reise wert. Eine Unterführung mit Gleisaufgang.

Da hat sich der NRW-Express einen romantischeren Startpunkt ausgesucht: eine Brise weht durch die sanft gekrümmte Bahnhofshalle, in der er fünf Minuten vor dem Start einrollt: der meistgenutzte Regionalzug des Landes. Er pendelt stündlich zwischen Aachen und Hamm – fährt alle zwei Stunden weiter bis Paderborn.

Der Zug besteht aus sechs „Dostos“. Nicht wegen Dostojewski, sondern wegen Doppelstock: Vom zweiten Deck sieht man besser. 735 Sitzplätze gibt es an Bord, sie werden heute nicht alle gebraucht. Obwohl der RE1 zu den gefragtesten Regionalzügen in Deutschland zählt: Mit 110.000 Fahrgästen, jeden Tag, maximal 160 km/h Spitzengeschwindigkeit.

Die erreicht er erst später. Zunächst geht es durch viele Wälder, ein paar Eifelausläufer erfordern Tunnelbauten, dann kommt der erste Fluss. Die Rur ohne h:.Linkerhand, in der rheinischen Tiefebene produzieren derweil Kraftwerke viel C02 und etliche weiße Wolken. Und Strom für die großen Städte am Rhein, denen sich der RE1, wie er im Bahndeutsch heißt, nähert. Alle paar Minuten macht es „plinkplonkplink“ und der Lautsprecher kündigt Eschweiler an, Horrem oder viermal Köln: Ehrenfeld, Hbf, Deutz und Mülheim. Eine halbe Stunde dauert die Stadtdurchfahrt. Vorhin, bei der Reise nach Aachen mit dem Wupper-Express hat die Lokführerin, jünger als die Lokomotive von 1973, die Ansagen selbst gemacht.

Dafür er riecht gut, der Zug. Das ist das Verdienst eines Nachwuchskickers vom TuS Langerwehe, der sich mit Eistee und Deo reichlich eindeckt und im Zug großzügig Herrenduft versprüht. Kurz hinter Leverkusen beispielsweise, das den Ruf genießt, größte Stadt Deutschlands ohne IC-Halt zu sein.

Die heftigste Verspätung: Drei Minuten in Mülheim/Ruhr

Hinter Düsseldorf gibt es wieder einen Tunnel: dieses Mal künstlich: der Zug unterquert die Landebahn des Flughafens. In Duisburg biegt der Zug nach Osten ab, die richtige Ruhr (die mit h) wird gequert. In Mülheim hat der RE heftig Verspätung: fast drei Minuten! Mitten am Tag und in den Ferien fällt es dem RE1 heute leicht, sich im Fahrplantakt durchs Land zu schwingen. Nach zwei Stunden ist Essen erreicht – und kurz danach rollen wir nach Westfalen: über Bochum und Dortmund geht es nach Kamen – hier kreuzt der RE die A1 und die A2: Was der Kölner Hbf für Züge in NRW ist das Kamener Kreuz für die Autofahrer.

Dann meldet sich doch der Lokführer und verkündet eine radikale Kehrtwende: Der RE1 macht Kopf, wie der Bahner sagt. Vorwärts rein, rückwärts raus aus dem Hbf Hamm. Das dauert ein paar Minutchen. Damit wir nicht wieder in Aachen ankommen, macht der Zug eine lange 180 Grad-Kurve, um in Soest auf die Zielgerade einzubiegen: Die Kilometersteine zählen rückwärts: Nach Hannover sind es noch 180 km.

Wieder sind wir auf dem Land: Erinnerte die Region ganz zu Beginn um Aachen herum fast ein wenig an Burgund, so wirkt Ostwestfalen fast ein bisschen schwäbisch mit Fachwerk und roten Dächern. Kurz vor Paderborn verwickelt sich das junge Pärchen, das sich einen Kopfhörer teilt, in eine theologische Fachdiskussion : Ist der Teufel ein Böser, weil er die Menschen verführt? Oder ein Guter, weil er mit der Hölle ein gut geheiztes Etablissement führt für Leute, die im Paradies sonst nur stören würden?

Von Paderborn mit der Nordwestbahn ganz nach Osten

Gut, dass wir uns der finalen Domstadt Paderborn nähern, hier gibt es für sowas Experten. Pünktlich um 16.25 Uhr erreicht der NRW-Express sein Ziel. In gut 70 Minuten macht er sich wieder auf den Rückweg. Um ganz nach Osten zu kommen, nimmt man sinnigerweise in die Nordwestbahn. 40 Minuten Richtung Göttingen. Dann ist man in Wehrden, ein Haltepunkt mit wilden Apfelbäumen, ein Viertelstündchen zu Fuß vom Weserufer entfernt. Auf einem Hinkelstein prangt eine Tafel: „Berlin 392 Kilometer“.

Das Ostufer gehört Niedersachsen. Die Kirchturmuhr schlägt 18 Uhr, die Treidelfähre macht gerade Feierabend. Wir bleiben in NRW. Es gibt hier noch genug zu entdecken.

 
 

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