Voller Einsatz beim Rosenmontagszug in Essen

Die Essener Karnevalsgesellschaft „Völl-Freud“. Foto: Matthias Graben/ WAZ Fotopool
Die Essener Karnevalsgesellschaft „Völl-Freud“. Foto: Matthias Graben/ WAZ Fotopool
Links, zwei, drei, vier: WAZ-Reporterin Annika Fischer war mit der Fußgruppe der „KG Völl Freud 1929“ unterwegs im Essener Rosenmontagszug. Sie staunte über unerschütterliche Fröhlichkeit, weinende Knirpse und den Trompeter mit der blutenden Lippe.

Essen.. „Lachen!“, befahl Mutti gerne, damals am Straßenrand des -karnevals, denn Mutti ist eine rheinische Frohnatur. Sie meinte nicht ihre Kinder. Sie meinte die Jecken. Die sahen ihr selten nach Frohsinn aus, eher nach Trübsinn. Wie sie so marschierten durch Regen und Wind, in dünnem Beinkleid und stundenlang.

„Immer mit links“, raunt es noch rasch, und da laufen sie schon, Tusch und Trommelwirbel: die Fußgruppe der „1. Großen Karnevalsgesellschaft „Völl-Freud“ 1929 e.V. aus Essen-Werden, Große und Kleine Garde, vornweg der Fanfarencorps. Und „völl Freud“ ist ihnen Befehl, „egal, ob man friert, müde ist oder die Füße wehtun“, erinnert Sigrid, die Vorsitzende, „unsere Aufgabe ist Strahlen!“ Sie hat auch gesagt, dass alle kommen müssen, „Rosenmontag entschuldigt nur der Tod“, und den will man vor Aschermittwoch nur ungern bemühen.

Sigrid schüttet einen Rest Schminke aus einem Einmachglas und holt die Kniften aus der Tupperdose. Karin bringt alle Mädchen nochmal zum Klo, das Baby bekommt ein Kirschkernkissen in den Wagen, die anderen müssen ohne zurechtkommen: „Zwei Paar Socken, dann geht’s“, sagt Sascha, und Öl, dass die Trompete nicht einfriert. Sie haben Glück und Verstand, die Narren aus Werden: Weil die Gardemädchen früher tagelang in der Schule fehlten, nachdem sie sich im Zug einen Fips geholt hatten, gehen die „Freudschen“ seit Jahren als Kosaken. Roter Umhang, Pluderhose, Stiefel. Strumpfhöschen allenfalls drunter.

Auch solche, die pöbeln

So packt auch keiner mehr den Mariechen unter den Rock, doch, sowas gibt es am Rosenmontag, auch solche, die pöbeln, „alles gehabt“, am Sonntag noch in Oberhausen, und da kam noch der Frost dazu. „Wie der Wind um die Häuser pfiff!“ Aber Schnee, sagen sie, „ist besser, den kann man abschütteln, Regen geht überall durch“. Also Aufstellung, „mit Clownerei und Spaß dabei“, steht am Gesellschaftswagen. Auf den wollen sie alle, „aber wir brauchen auch Leute, die laufen“.

Einer hat doch tatsächlich gesagt: „Wir arbeiten die Strecke ab, und die Leute gucken“, aber so soll es eben nicht sein. „Das Schönste ist“, erklärt Karin, „wenn man Helau ruft, und es kommt zurück.“ Dabei haben sie nicht mal Tee mit Rum im Bagagewagen, sie finden, „das sieht sch. . . aus, wenn wir im Zug trinken“, und überhaupt: „Wer heute keinen Spaß ohne Alkohol hat, ist selber schuld.“ (Weshalb wir schweigen über das Mariechen mit dem Likörchen.) Die Fanfaren führen auf ihren winzigen Liedzetteln „Trink, Brüderlein, trink“ mit.

Lippen feuchten, Schellenkranz an die Schenkel und Abmarsch, die Großen laufen für die Kleinen Spalier – aus Sicherheitsgründen. Konfetti fliegt in den Kinderwagen zum Kosäckchen. 1111 Meter wollen gelaufen sein, von der zusätzlich dreifachen Menge auf der Stelle hat keiner was gesagt. Nach hundert Metern und hundert Helaus gibt es Tee für die Trompeten, „dafür haben wir unsere Frauen“, sie schieben sich mit der Kanne durch die Reihen. „Ich hab Hunger“, klagt das kleinste Gardemädchen (7). Aber bitte, keine Kekse für die Klarinette, wegen der Krümel.

Zum vierten Mal „Hey Baby“

Vom Musikwagen hinten klingt „Hey Baby“, schon zum vierten Mal, es will nicht passen zu den Trommeln vorn, und außerdem: Die haben doch schon wieder den Rhythmus gewechselt, jedenfalls die Füße. . . sind verkehrt. Links (zwei, drei, vier)! Kann sein, sie waren festgepappt an einem angelutschten Bonbon, sie laufen jetzt über einen Teppich aus verknickten Luftschlangen und leeren Kartons „Kamelle gemischt“. Der nächste Schritt endet schmerzhaft vor einer leeren Pulle, tut besonders den kalten Zehen weh. „Immer schön Helau rufen!“, mahnt Jenny, jaja, mit der Betonung auf „au“.

Jenny ist erst zwölf, sie klagt nicht über die Kälte, sie winkt, grüßt und lacht. „Geht’s noch?“ Doch, es ist auch hübsch anzuziehen, Essen zur Rechten: all die Kostüme und lachenden Gesichter! Nur fiel früher nie auf, wie viele traurige Kinder darunter sind. Stehen da, zu klein eigentlich für den Karneval, die Schminke unter Tränen verlaufen, in der Hand die Tüten der ansässigen Discounter. Kamelle! Das ist es, was sie wollen, und dann kommen rote Russen mit fremden Liedern, die aus Köln sind – und Bonbons werfen die nicht.

Sie hätten ja viel lieber selber welche, aber sie dürfen sich nicht bücken. Gleichschritt, es geht weiter, Jenny guckt schon wieder mahnend. Helau, natürlich, es macht ja auch Spaß, bloß ist das Grinsen im Gesicht ein bisschen gefroren. Mit dem ersten Graupel fliegt an der Brunnenstraße eine Flasche in den Zug, sie trifft Sascha an der Trompete, seine Lippe blutet. Sie kennen das schon und können dann eine Weile nicht blasen, das Trömmelche jeht ohne den Chef. Mutti, Rosenmontag in der Fußgruppe ist nicht komisch. Richtig jeck ist: wenn man trotzdem lacht.

 

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