Vogelkundler fordert, Vögel das ganze Jahr zu füttern

Meisenknödel sind, so der Experte, die ideale Futterstelle für Vögel, nicht nur im Winter.
Meisenknödel sind, so der Experte, die ideale Futterstelle für Vögel, nicht nur im Winter.
Foto: WR
Der bekannte Vogelkundler Peter Berthold vom Max-Planck-Institut für Ornithologie setzt sich dafür ein, dass Amsel und Meise nicht nur bei Schnee und Frost im Winter, sondern das ganze Jahr über gefüttert werden sollen. Er hat für sein Tun einige Argumente.

Essen.. Wer hat das Vogelfüttern erfunden? Die Deutschen haben es erfunden, schon Ende des 19. Jahrhunderts erschienen die ersten Bücher zum Thema. Seither wurde viel über Sinn oder Unsinn der Körnerspende diskutiert. Wann, wie und ob überhaupt. Peter Berthold (74), Ornithologe am Max-Planck-Institut, hat da auch im NRZ-Interview eine radikale Meinung.

An Rhein und Ruhr ist das Klima seit Wochen ausgesprochen mild. Sollten die Vögel dennoch gefüttert werden?

Berthold: Aber sicher. Völlig losgelöst von der Witterung muss im September mit dem Füttern begonnen werden. Wenn Frost und Schnee schon da sind, ist es zu spät. Denn die Vögel müssen sich an die Futterstellen gewöhnen, wie sich bei uns ein neues Gasthaus erst herumsprechen muss, so ist das auch bei den Vögeln. Sie müssen die Futterstellen schon kennen. Nach einer eisigen Nacht hat ein Vogel nur drei bis vier Stunden zeit, Futter zu finden. Bei Minus 10 Grad ist es nur eine Stunde. Danach nutzt es ihm nicht mehr viel. Am besten ist es, wenn die Futterstellen das ganze Jahr über vorhanden sind.

Aber im Sommer finden die Tiere doch das Futter in der Natur?

Berthold: Das war einmal. Bis zum Jahr 1800 war Deutschland ein Vogelparadies. Viele Felder, viele Parks. Zahlreiche Arten sind damals eingewandert, Lerchen und Ammern zum Beispiel. Dann kam die Industrialisierung, auch in der Landwirtschaft. Noch 1950 produzierten die Wildpflanzen in der Agrarlandschaft eine Millionen Tonnen Samen. Damals bestand ein Feld aus 70 Prozent Getreide und 30 Prozent Kräutern. Heute liegt der Getreideanteil bei 99 Prozent. Kornrade und selbst der Löwenzahn verschwinden. Da bleibt wenig für die Vögel.

Und die Insekten?

Berthold: Seit 1950 haben sich die Arten und die Gesamtzahl der für Vögel interessanten Insekten etwa halbiert. Wer es nicht glauben will, muss sich erinnern. Früher mussten Autofahrer im Sommer regelmäßig an die Tankstelle, um die Windschutzscheiben zu reinigen. Das ist vorbei. Unsere Landschaft ist ausgeräumt. Auch die Larven und die Raupen werden weniger. Die Vögel haben es deutlich schwerer als früher. Wir sollten deshalb das ganze Jahr über füttern. In England macht man damit seit 40 Jahren gute Erfahrungen.

Was wird denn am besten gefüttert?

Berthold: Ideal ist eine Körner-Streu-Mischung. Auf keinen Fall Brot- oder andere Essenreste. Und ganz oben stehen Meisenknödel. Wegen des Fettgehalts. Fett ist der Treibstoff der Vögel. Sie verbrennen das in ihrem Brustmuskel, dem Flugmotor sozusagen, wie wir in den Autos Benzin. Und diese Energie brauchen sie ganz besonders im Sommer, wenn sie viel fliegen müssen, um die Brut zu versorgen. In dieser Zeit brauchen sie 25 mal so viel Energie wie im Winter.

Wie sollte so eine Futterstelle aussehen?

Am besten ist ein Silo-System, das bleibt sauberer. Und an der Futterstelle sollten die Vögel eine gute Sicht haben, damit sie sehen, wenn die Katze kommt.

Kritiker befürchten, dass sich die Tiere dann an die Futterstelle gewöhnen und die ursprüngliche Nahrung nicht mehr suchen...

Berthold: Da haben wir andere Erfahrungen gemacht. Für die Vögel ist unser Futter nur eine mäßige Küche sozusagen, gut bürgerlich. Wenn sich ihnen was anderes bietet, greifen sie zu. Oder auch so: Die Vögel nutzen die Meisenknödel für die Energie, die sie brauchen, um Insekten für ihre Jungen zu fangen.

Was sollen die Leute denn jetzt machen?

Berthold: Auch wer bisher nicht gefüttert hat, kann heute damit anfangen. Besser spät als nie. Auch wegen der pädagogischen Wirkung zum Beispiel auf Kinder. Der beste Naturkundeunterricht. Die Deutschen allerdings geben im Schnitt nur fünf Euro im Jahr für Vogelfutter aus, die Briten 25. Luft nach oben.

 

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