Voerde: So tickt der Bahnsteig-Killer – Einblicke in eine wirre Welt

Voerde: Der mutmaßliche Bahnsteig-Killer Jackson B. vor Gericht.
Voerde: Der mutmaßliche Bahnsteig-Killer Jackson B. vor Gericht.
Foto: Marcel Storch/DER WESTEN

Duisburg/Voerde. Regungslos verfolgt Jackson B. auf der Anklagebank von Saal 201 des Landgerichts Duisburg das Geschehen. Der 28-Jährige soll eine junge Mutter in Voerde vor einen einfahrenden Zug gestoßen haben. Aus Mordlust und um einen Menschen sterben zu sehen, ist sich Staatsanwalt Alexander Bayer sicher.

Der Prozessauftakt am Donnerstag vor dem Landgericht Duisburg hat Einblicke in eine Welt aus Kokain, Kriminalität und fehlender Perspektive offengelegt.

Voerde: Die wirre Welt des Bahnsteig-Killers Jackson B.

Ein Gutachter hatte Jackson B. viermal begutachtet und mit ihm gesprochen. Seine Aussage vor Gericht lässt tief in die wirre Welt des mutmaßlichen Bahnsteig-Killers von Voerde blicken – eine Welt zwischen Wahn und trauriger Wahrheit!

Nur an Bruchstücke seiner eigenen Vergangenheit hat er sich in den Gesprächen mit dem Sachverständigen erinnern können, darunter an den Konsum von Drogen, Alkohol und Methadon. Und an die zwei Dutzend Anzeigen gegen ihn, vermeintliche „Kleinigkeiten“ wie Schwarzfahren oder ein abgelaufener Führerschein.

Ja, er habe einem Nachbarn das Fenster kaputt geschlagen und ihn mit dem Tode bedroht. Aber nur, weil er seinen Sohn mit Süßigkeiten vor der Schule angesprochen und mitgenommen habe. „Das könnte ja auch ein Vergewaltiger sein“, sagte der in Lemgo geborene Sohn eines serbischen Vaters und einer albanischen Mutter dem Gutachter.

Er habe sonst keinen Ärger gemacht, nur gechillt und vielleicht mal laut Musik gehört. Der Nachbar habe wegen nichts die Polizei gerufen. Vor Gericht will er nie gestanden haben. Die Gerichtsakten sagen da anderes.

------------------------------------

• Mehr zum Thema:

Deutsche Bahn reagiert auf Bahnsteig-Morde: Fahrgäste irritiert – „Was ist das denn jetzt?!“

Fremdenangst: Psychologe mit krasser These: „Wir haben ein Gefühl der Befriedigung“

-------------------------------------

Zu den nach Serbien abgeschobenen Eltern soll nur sporadisch Kontakt bestanden haben. Einzig der Bruder, laut Jackson B. ein Pornodarsteller mit Spitzname „Rocky“, der „richtig gut verdient“, soll sich um ihn gekümmert haben.

Der Vater soll in Serbien im Gefängnis sitzen, weil er einen anderen Mann erschossen hat – laut Recherchen der Anwältin Marie-Helen Lingnau korrekt. Am Vorabend der Tat von Voerde soll Jackson B. auch vier Männer in einem BMW gesehen, sich vor ihnen gefürchtet haben.

„Ich dachte, die wollen Blutrache, weil mein Vater einen Verwandten mit vier Schüssen getötet hat“, sagte Jackson B. in der von seiner Anwältin vorgelesenen Erklärung. Er soll laut eigener Aussage deshalb auch im Zeugenschutzprogramm gewesen sein. Wohl eher Fiktion, genauso wie ein angebliches Millionen-Erbe, das ihm zustehen soll.

Lesen, schreiben, rechnen – Fehlanzeige!

Die Realität dagegen: Lesen, Schreiben, Rechnen hat Jackson B. nie richtig gelernt. Gearbeitet hat er sporadisch, als Schrotthändler. Der 28-Jährige hat neun Kinder. Sieben mit seiner Frau, die irgendwann einfach nicht mehr da gewesen war. Sie hatte sich vor ihm in ein Frauenhaus gerettet. Er will sie nie geschlagen haben. Und betrogen auch nicht. Außer mit einer guten Freundin, mit der er immer, wenn er betrunken war, Sex hatte. Zwei Kinder mit ihr waren das Resultat.

Zeitweise soll er mit der Geliebten und seiner Frau sogar zusammen gewohnt haben. Jackson B. soll sie als Cousine ausgegeben haben. Die Geliebte soll inzwischen nach Serbien abgeschoben worden sein. Seine Frau dagegen habe ihn noch im Gefängnis besucht.

Die Erzählung, dass seine Kinder plötzlich mit nicht anwesenden Menschen sprachen - wohl auch eher eine Wahnvorstellung.

Jackson B. leidet unter schizophrenen Erkrankung

Sicher ist: Jackson B. leidet unter einer Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis, so heißt es laut Antragsschrift. „Bei meinem Mandanten handelt es sich um einen Menschen mit einer psychischen Erkrankung, der die Außenwelt anders wahrnimmt, als wir das tun“, sagt seine Anwältin gegenüber DER WESTEN.

Der bekannte Gerichtspsychiater Hans-Ludwig Kröber erklärt: „Schizophrenie ist eine sehr vielgestaltige Erkrankung. Eine Grundüberzeugung von Schizophrenen ist, dass die Realität täuscht, dass es keine Zufälle gibt, dass alles voller Zeichen ist und mit ihnen zu tun hat. Schizophrene entwickeln eine Wirklichkeit für sich.“ >>> hier liest du das ganze Interview

Die Duisburger Staatsanwaltschaft geht nach einem Gutachten daher von einer eingeschränkten Schuldfähigkeit aus. Und auch deshalb sind viele von Jackson B.s Worten mit Vorsicht zu genießen.

Voerde: Prozess gegen Bahnsteig-Killer
Voerde: Prozess gegen Bahnsteig-Killer

Anwalt der Familie: „Halte ich nicht für glaubwürdig“

Es bleibt die Frage, warum er sich an viele Details des Tattags erinnern kann - nur nicht an die Tat selbst. Daran will er keine Erinnerungen mehr haben. Opfer-Anwalt Reinhard Peters: „Er hat ganz viele Einzelheiten in Erinnerung. Nur zum eigentlichen Kerngeschehen will er nichts wissen. Das halte ich nicht für glaubwürdig.“

Er habe nicht gemerkt oder wahrgenommen, dass er sie gestoßen habe. Er habe keine Schreie gehört und könne nicht glauben, eine solche Tat begangen zu haben. „Ich weiß nicht, ob ich die Frau geschubst habe. Wenn es so war, habe ich das nicht extra gemacht“, so Jackson B.

Anwalt Peters über den Beschuldigten: „Er versucht sein Leben superschön darzustellen, dass er immer nur Spielball von dunklen Mächten war. Und seine körperlichen Auseinandersetzungen, sein Betäubungsmittelmissbrauch, das sei nur gewesen, weil es ihm so schlecht geht und er es nicht anders bewältigen konnte.“

Jackson B. soll „Tauhid“-Geste gezeigt haben

Ein weiterer Aspekt blieb zu Prozessauftakt bislang Nebensache. Demnach soll Jackson B. nach seiner Tat, bereits niedergerungen von Zeugen, die sogenannte „Tauhid“-Geste gemacht haben. Das berichtete Haval I., der ihn überwältigte. „Eine solche Geste macht man nicht. Ich bin ihm deshalb auf die Hand getreten“, sagte der Zeuge.

Das Zeichen des in die Höhe gereckten Zeigefingers ist der sichtbare Ausdruck des islamischen Glaubensbekenntnisses. Doch sie ist eben auch häufig zu sehen bei Anhängern des Islamischen Staates. Anis Amri machte sie, kurz nachdem er auf dem Berliner Weihnachtsmarkt viele Menschen tötete. Wollte Jackson B. damit zum Ausdruck bringen, dass der tödliche Bahnstoß eine vermeintliche Gottestat war? Auch diese Frage könnte im Prozess noch eine Rolle spielen.

 
 

EURE FAVORITEN