Türkische Rockergruppen bauen NRW als Basis auf

"Osmanen Germania", "Turan e.V.", "Graue Wölfe": Türkische Gruppierungen treten zunehmend rockermäßig auf.
"Osmanen Germania", "Turan e.V.", "Graue Wölfe": Türkische Gruppierungen treten zunehmend rockermäßig auf.
Foto: Archiv/dpa
Türkisch-nationalistische Rockergruppen sind wie aus dem Nichts aufgetaucht. Sie bauen NRW als Basis auf. Erstmals geht es auch um harte Politik.

Essen. 30.000 Kurden wollten am 3.September im Kölner Rheinenergie-Stadion ihr „Kulturfest“ feiern. Das hat Jürgen Mathies, den Polizeipräsidenten der Domstadt, nervös gemacht. Der erfahrene Polizist hat die Notbremse gezogen und die Veranstalter um die Absage des Events gebeten, was auch passierte. Denn Mathies fürchtete massive Auseinandersetzungen. „Die jüngsten gewalttätigen Konflikte in der Türkei führen zu einer zu hohen Emotionalisierung“.

Kölns Polizeichef steht damit nicht alleine. In deutschen Sicherheitsbehörden reicht die Sorge tief, dass sich die gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen kurdischen Gruppen und der türkisch-nationalistischen Szene in Deutschland verschärfen. Das Bundesinnenministerium stellt fest: Die Konflikte in der Türkei nach dem Putschversuch gegen Staatschef Recep Tayyip Erdogan könnten „nach Deutschland ausstrahlen und zu Stellvertreterauseinandersetzungen zwischen Anhängern beider Seiten“ führen.

Putsch in der Türkei führte zu Vorfällen in NRW-Städten

Wie hoch ist die Brisanz des überschwappenden Konflikts tatsächlich? Zunehmend geraten politisch motivierte Rockergruppen mit türkischen Wurzeln ins Visier der Sicherheitsbehörden. Politik statt Rotlicht? Neben bestehenden kurdischen Vereinigungen sind auch zwei gewaltbereite Trupps mit möglichen Verbindungen zur türkischen Regierung im Spiel, aber auch zu den Rechtsextremisten der „Grauen Wölfe“: „Osmanen Germania“ und „Turan e.V.“ seien „wie aus dem Nichts“ erschienen und „wie Pilze aus dem Boden“ geschossen, schreibt die Darmstädter Wissenschaftlerin Dorothee Dienstbühl in der jüngsten Ausgabe der „Kriminalpolizei“, einer Fachzeitschrift der Gewerkschaft der Polizei (GdP).

Wer sind diese Gruppen? Wo treten sie auf?

„Turan wurde vermutlich im April 2015 gegründet. Eine Eintragung im Vereinsregister liegt nicht vor“, sagt dazu das Bundesinnenministerium. Und: „Die Gruppierung hat ihren Aktivitätsschwerpunkt in Nordrhein-Westfalen“. Ortsgruppen gebe es seit November in Duisburg, Gevelsberg, Köln, Dortmund, Wuppertal, eine sei in Moers geplant. Die Regierung beruft sich auf eigene Angaben der Rocker. Zur politischen Ausrichtung heißt es: Die „Anhänger orientieren sich an den Bekleidungs- und Ordnungsregeln von Rockern“. Ideologisch eiferten sie „der rassistisch-nationalistischen, rechtsextremistischen Ülkücü nach, „die das Türkentum als überlegene Rasse versteht“.

Etwas jünger, aber nach ihrer Gründung im Spätherbst 2015 wegen ihrer „werbewirksamen“ Auftritte schon berüchtigter sind die „Osmanen Germania“. 130 dieser motorradlosen Rocker, die laut NRW-Landeskriminalamt zu einem hohen Anteil wegen ihrer Drogen- und Rohheitsdelikte polizeibekannt sind, seien in zehn Chapter aufgeteilt, darunter in Dortmund, Duisburg, Essen, Köln und Siegen. „Die Chapter in Dortmund und Duisburg wurden bisher nur durch ihre mediale Selbstdarstellung bekannt“, sagt LKA-Sprecher Frank Scheulen. Ihre Videos? „Martialisch und gewaltverherrlichend“. Ihre politische Ausrichtung? „Nach ungesicherten Erkenntnissen eher türkisch-national“.

Rocker für Erdogan

Offen teilt Turan die Politik der Regierung in Ankara. „Wir unterstützen den Anti-Terrorkampf der türkischen Sicherheitsbehörden“. Unter diesem Motto zog die Gruppe schon im März, lange vor den Juli-Ereignissen in Ankara und Istanbul, im Duisburger Stadtteil Hochfeld auf. Parolen tauchten auf wie „Die Martyrer sind unsterblich, das Heimatland ist unteilbar“. Oder: „Nieder mit der (kurdischen) PKK“. Oder: „Unser Ziel ist Turan“, die Vorstellung von einem großtürkischen Reich. Es kam zu Auseinandersetzungen mit kurdischen Gruppierungen und Gegendemonstranten. Die Polizei trennte beide Seiten mit Pfefferspray.

Bei den Osmanen fallen enge Verbindungen zum Milieu des türkischen Präsidenten Recip Erdogan auf. Nach dem Putschversuch nahm ihr Chef demonstrativ an einer Pro-Erdogan-Demo teil, und Osmanen stellen bei Kundgebungen, die die türkische Regierung unterstützen, Ordnungskräfte. So war es am 12. September in Mannheim. Außerdem ist dann oft ein bekannter Sicherheitsmann Erdogans mit im Spiel. Timur Yüksek, dessen Unternehmen in der Türkei mit dem Personenschutz des Präsidenten und des Ministerpräsidenten beauftragt ist. Der Bundesregierung liegen nach eigenen Angaben Informationen vor, wonach auf der Facebook-Seite des AYTC („Deutsches Neue Türken Komitee“) mitgeteilt wird: Der Personenschutz Unternehmer Timur Yüksek hat angekündigt, die Protestzüge professionell mit mehreren Sicherheitspersonal begleiten und bewachen zu lassen“.

Auch kurdische Gruppen tretten rockermäßig auf

Man schenkt sich nichts: Auf der Gegenseite organisieren sich Kurden. Vor allem aus Süddeutschland wird deren Auftreten gemeldet. „Red Legion“, ein linksextremer Zusammenschluss, der in Deutschland verboten ist, oder „Bahoz“ heißen die Vereine. „Bahoz“ (zu deutsch: „Sturm“) soll bundesweit schon 1500 Mitglieder haben. Diese Organisationen treten weniger rockermäßig auf und sind auch weniger hierarchisch als Rocker geordnet. Aber auch sie scheuen nach Polizeiangaben vor Gewalt nicht zurück.

In Baden-Württemberg führt das alles zur Warnung durch das dortige Landeskriminalamt, es könne mit „exzessiver Gewalt“ durch die politisch rivalisierenden Rockerbanden und dem Einsatz scharfer Schusswaffen gerechnet werden, wenn die Gruppierungen aufeinandertreffen. Das LKA Nordrhein-Westfalen ist mit solchen Einschätzungen noch zurückhaltend: „Dem LKA NRW liegen derartige Hinweise nicht vor. Entsprechende Auseinandersetzungen haben in NRW bislang nicht stattgefunden. Doch: „Die Polizei hat die Lage im Blick und führt Aufklärungsmaßnahmen zur Erkenntnisgewinnung durch“, sagt LKA-Sprecher Scheulen.

 
 

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