Toilettenfrau bekommt Verdienstkreuz für soziales Engagement

Feierstunde im Schloss Bellevue: Bundespräsident Joachim Gauck mit Harriet Bruce-Annan.
Feierstunde im Schloss Bellevue: Bundespräsident Joachim Gauck mit Harriet Bruce-Annan.
Foto: dpa
Harriet Bruce-Annan arbeitete in Düsseldorf als Toilettenfrau, mit ihrem Trinkgeld gründete sie ein Kinderheim in Ghana. Nun bekam sie das Bundesverdienstkreuz. Und lachte bei der Verleihung mit dem Bundespräsidenten um die Wette.

Berlin/Düsseldorf.. Kann man mit 50 Cent die Welt retten? „Ja“, sagt Joachim Gauck, „es gibt eine Frau, die das kann“. Diese Frau heißt Harriet Bruce-Annan, der Bundespräsident hat sie gestern mit dem Verdienstkreuz geehrt und extra hervorgehoben. Sie fällt ohnehin aus jedem Rahmen mit ihrem herzhaften Lachen, mit ihrem weißen Gewand und mit ihrer Geschichte, die nicht in Afrika, in ihrem Heimatland Ghana, anfing, sondern in Düsseldorf, in der Altstadt, in einer Kneipe, genauer: in einer Toilette.

Da hat sie als Klofrau gearbeitet. Und all das Trinkgeld, was die Gäste auf einen Teller legten, hat sie gesammelt. 5000 Euro waren es irgendwann, und dieses „Tellergeld“ wurde 2004 der Grundstock für ein Kinderheim in Ghana und für den Verein „African Angel“. Es ist die Geschichte, die sie auf einen Schlag bekannt machte und die auch Gauck imponierte. Er hat aus Anlass des heutigen Weltfrauentags gestern in Schloss Bellevue Bruce-Annan und weiteren 32 Frauen Orden verliehen.

Lebensversicherungverkauft

Für ihren ehrenamtlichen Einsatz werden Männer deutlich öfter und lauter gelobt als Frauen. Das ist so. Die Vorschläge stammen von den Staatskanzleien der Länder, von ihnen bekommt das Präsidialamt einen Standardsatz zu hören. Er lautet: „Auszeichnungswürdige Männer kennen wir in jeder Gemeinde. Aber von engagierten Frauen fehlen in unseren Akten leider die Namen und Adressen.“ Die Frau aus Düsseldorf war die Ausnahme.

Als der Brief mit der Einladung bei ihr eintrudelte, hat sie sich einen Moment gefragt, ob er echt ist. „Das ist ein großer Preis, eine Ehre.“ In der Nacht fand sie nicht zur Ruhe, am nächsten Tag dreht sie erst mal die Musik auf. „Ich konnte es echt nicht glauben“, erzählt sie und wundert sich über die Frage, ob sie weiter in Düsseldorf wohnt. „Ja, natürlich, ich bin doch nicht weggezogen.“ Wieder ein Lacher. Was Journalisten bloß fragen.

Ein bisschen verändert hat sich ihr Leben aber doch. Sie ist jetzt häufig für den Verein unterwegs, sammelt Geld, sucht Sponsoren, war zu Gast in mehreren Talkshows. „Bild der Frau“ hat sie vor zwei Jahren als „Heldin des Alltags“ gekürt. Ein Buch hat sie auch geschrieben. Es heißt – man ahnt es – „Mit 50 Cent die Welt verändern“. Das klingt schon wieder glatter, leichter als es wirklich war.

Von der Tellerfrau zur Wohltäterin

Bruce-Annan, 1965 in Accra geboren, kam 1990 nach Deutschland. 2002 gründete sie den Verein, zwei Jahre später mietete sie dann in Ghana ein Haus für 26 Kinder. Um es halten zu können, hat sie was riskiert: Sie verkaufte ihre Lebensversicherung.

Inzwischen kam ein zweites Heim für 52 Kinder dazu, die Projekte liefen „wunderbar“, erzählt sie der NRZ. Im April schreiben die ersten Kinder Abitur, vier Mädchen kamen sogar in ein Elite-Gymnasium, „die Kinder machen große Fortschritte“.

Sie nehme den Orden an für die Kinder, „für meine Paten und Sponsoren, die haben etwas Positives geschafft“. Der Bundespräsident hat ihr gratuliert und am Ende für das Gruppenfoto in die Mitte genommen. Nicht die ZDF-Moderatorin Gundula Gause, auch nicht die Schauspielerin Nina Hoss wurde neben Daniela Schadt, der Frau des Präsidenten, platziert. Es ist Harriet Bruce-Annan, die um die Wette lacht.

Er habe die Orden „nicht nach Aktenlage“ verleihen wollen, versichert Gauck. Im Auge hatte er „das wahre Leben“, das „keine sozialen oder geografischen Grenzen“ kennt. Starke Frauen hat er gesucht. Und starke Geschichten. „Ich denke zum Beispiel an die sogenannte Tellerfrau“, erzählt Gauck. An Harriet Bruce-Annan, die in der Kneipe in der Ratinger Straße in der Düsseldorfer Altstadt Toiletten putzte.

 
 

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