Tochter von „Hartz 4“-Empfängerin klagt: „Wir sind doch keine Mini-Arbeitslosen“

Sarah Heinrich studiert als Tochter einer „Hartz 4“-Empfängerin in Köln.
Sarah Heinrich studiert als Tochter einer „Hartz 4“-Empfängerin in Köln.
Foto: privat

Köln. „Hartz 4 ist der größte Scheiss.“ Mit diesen Worten begann Sarah-Lee Heinrichs im vergangenen Jahr eine Wutrede bei Twitter.

Worüber sich die damals 17-Jährige Schülerin aus dem Kreis Unna so aufregte? Als Tochter einer alleinerziehenden „Hartz 4“-Empfängerin hatte sie keine Chance, für ihre Zukunft zu sparen. Im Sommer dann das Abitur. Mit Bestnoten bestanden. Studienplatz in Politikwissenschaft an der Uni Bonn.

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Doch wie um alles in der Welt soll ich mir eine Wohnung und ein Studium leisten? Diese Frage beschäftigte die 18-Jährige schon seit Jahren. Am Ende halfen ihr das Glück und etwas, das sie „gar nicht so geil“ findet.

Tochter von „Hartz 4“-Empfängerin mit unerwarteter Hilfe

Um endlich frei zu sein, zog es Sarah-Lee Heinrich im Sommer nach Köln. Angesichts des Mietspiegels in der größten NRW-Stadt sei es alles andere als leicht gewesen, dort eine bezahlbare Wohnung zu finden. Letztlich spürte sie jedoch die Nadel im Heuhaufen auf: ein kleines, günstiges Apartment in der nördlichen Innenstadt.

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Bei der fälligen Kaution und der Einrichtung half ihr das Glück. Ihre Patentante hatte für sie Geld für einen Führerschein zurückgelegt. Das investierte Heinrich stattdessen in den Start ins neue Leben. Alleine wäre sie dazu nicht in der Lage gewesen und kritisiert deshalb das „Hartz 4“-System.

„Wir sind doch keine Mini-Arbeitslosen

Denn das sieht Kinder von „Hartz 4“-Empfängern als Teil einer Bedarfsgemeinschaft. Solange Sarah-Lee Heinrich bei ihrer Mutter wohnte, durfte sie pro Monat nur 100 Euro behalten. Von jeden weiteren 100 Euro wurden 80 Euro mit dem „Hartz 4“-Satz verrechnet. Bei einem 450-Euro-Job blieben deshalb nur 170 Euro übrig.

Eine Logik, die der Studentin nicht einleuchtet. „Da macht es ja kaum Sinn, arbeiten zu gehen“, klagt sie und fragt sich: Wie will man Anreize schaffen, sich aus „Hartz 4“ zu befreien, wenn Kinder für die Arbeitslosigkeit ihrer Eltern vom Staat in Mithaftung genommen werden?

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Heinrich fordert deshalb ein Ende des Prinzips der Bedarfsgemeinschaft. „Wir sind doch keine Mini-Arbeitslosen“, spricht sie im Namen aller Kinder von „Hartz 4“-Empfängern. Stattdessen steht sie hinter dem Modell vom Bündnis Kindergrundsicherung. Das sieht 628 Euro für Kinder aus besonders armen Familien vor. Bei steigendem Einkommen sinkt der Höchstsatz.

Armut: Ein gesellschaftliches Problem

Damit ihre Forderungen nicht verhallen, ist sie im vergangenen Jahr an die Öffentlichkeit gegangen. Nach zahlreichen Interviews, unter anderem mit unserer Redaktion (Alles dazu liest du hier >>>), und einem TV-Auftritt bei „Maischberger“ in der ARD hätten sich Betroffene bei ihr bedankt.

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„Viele Leute sind auf mich zukommen, weil sie selber nicht darüber geredet haben. Weil sie sich geschämt haben, über ihre Armut zu sprechen.“ Für sie will sie ein Sprachrohr sein. Aus ihrer Sicht sei Armut kein privates, sondern ein gesellschaftliches Problem.

Lehrer mit Vorbehalten gegenüber armen Kindern

Gerade Kindern aus Armutshaushalten würden unnötig klein gehalten. „Ich hatte eine Freundin mit Migrationshintergrund, die in der Grundschule nur Zweien und Dreien auf dem Zeugnis hatte und trotzdem nur eine Haupt- und Gesamtschulempfehlung bekam.

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Mit den gleichen Noten seien Mitschüler aus weniger bildungsfernen und finanziell stärkeren Familien für die Realschule empfohlen worden. Wie ungerecht das ist, habe sie erst im Nachhinein begriffen.

Dabei mache sie den Lehrern keinen Vorwurf. Deren Vorbehalte seien häufig begründet. Empfehlen sie ein Kind aus einem armen Haushalt für einen höheren Bildungsweg, fehlt es im Zweifel an notwendigen Mitteln. Etwa für wichtige Nachhilfe, um sich anbahnende Defizite im Keim zu ersticken.

„Ich find es nicht so geil, zu einer Elite zu zählen“

Sie selbst hatte damit nicht zu kämpfen. Ihre Noten waren stets gut. Lehrer entdeckten ihr Potenzial, halfen sogar beim Antrag für ein Bildungs-Stipendium - mit Erfolg. Sarah-Lee Heinrichs wird seit Beginn ihres Studiums von einem Begabtenförderungswerk unterstützt.

Natürlich freue sie sich darüber, aber eine wirkungsvolle Maßnahme gegen Armut sieht sie darin nicht. Schließlich werde nur ein Prozent aller Studierenden auf diesem Weg gefördert. Außerdem: „Ich find das jetzt nicht so geil, zu einer Elite zu zählen“, sagt sie.

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Forderung nach Kindergrundsicherung und elternunabhängigem BAföG

Schließlich sei vielen Kindern aus armen Familien der Weg bis zu einem Stipendium schon weit vorher verbaut. Deswegen die Forderung nach Kindergrundsicherung. Und auch nach einem elternunabhängigen BAföG. Denn es gebe genügend Szenarien, in denen Studierende nicht auf die finanzielle Hilfe ihrer gut verdienenden Eltern bauen können. Etwa Streit mit den Eltern oder Väter und Mütter, die kein Unterhalt zahlen.

„Meine Mutter ist noch immer arm

Für sie selbst geht der Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit deshalb weiter. „Meine Mutter ist noch immer arm, Teile meiner Familie auch. Ich selbst bin gerade temporär raus“, sagt die 18-Jährige.

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Mit ihren Anliegen hat sie bei der Wahl zum Bundesvorstand der Grünen Jugend überzeugte. Dem gehört sie seit Sonntag an.

Nach ihrer Rolle als Sprecherin der Grünen Jugend Ruhr geht ihr politisches Engagement nun also auf Bundesebene weiter.

 
 

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