Tag eins in der Zimmermannokratie

Monheim..  94,64 Prozent für den Bürgermeister. 65,64 Prozent für seine Partei, die Peto. Jetzt bloß kein Triumph-Gehabe! Am Tag nach dem höchsten Wahlsieg der Republik bemühte sich Bürgermeister Daniel Zimmermann (32) um Normalität: „Im Büro ging es gleich mit der üblichen Verwaltungskonferenz los“, sagt er. Vom ersten Beigeordneten der Stadt gab es Blumen, immerhin. Den Strauß konterte der alte und neue Chef im Monheimer Rathaus mit einem Ausblick in die Zukunft: Im Herbst kommt das neue Inklusionskonzept, das Citymarketing soll den Monheim-Tourismus in Schwung bringen, die Wirtschaftsförderung weitere Firmen für Nordrhein-Westfalens günstigsten Gewerbesteuerstandort begeistern.

Nirgendwo sonst im Land haben die Wähler derart radikal mit den etablierten Parteien gebrochen wie in Monheim. Die CDU sammelte 17,8 Prozent der Wählerstimmen ein. Die einst mit absoluter Mehrheit regierende Orts-SPD brachte es auf 8,93 Prozent. Von ehemals neun Sitzen im Rat bleiben den Sozialdemokraten drei übrig. „Das ist ein katastrophales Ergebnis für uns“, sagt SPD-Chef Alexander Schuhmacher. CDU-Chef Markus Gronauer spricht von einem „Fiasko“. Keine von den beiden Volksparteien brachte es fertig, einen Gegenkandidaten aufzustellen.

„Die haben was erreicht!“

Es hätte auch wenig genutzt. „Der Daniel ist Klasse. Ein Supertyp! Der tut wenigstens was für die Stadt. Und ist dabei bodenständig geblieben; der vergisst nie die kleinen Leute“, sagt Taxifahrer Norbert Witschonke am Halteplatz vor dem Rathaus. Stört es den 61-Jährigen, dass er sich nun sechs Jahre von einer Mehrheitsfraktion im Stadtrat regieren lassen muss, deren Mitglieder nicht über ein Durchschnittsalter von 25 hinaus kommen? „Ach was, ich finde gut, dass die jungen Leute das Sagen haben. Der Zimmermann und sein Team, die haben richtig was erreicht.“

2009 waren viele skeptisch in Monheim, als Zimmermann, damals der jüngste Bürgermeister überhaupt, an den Start ging. Sein Gesellenstück lieferte er ab, als er eine große Steuernachzahlung ummünzte in dauerhaft niedrige Gewerbesteuern; so immer mehr Unternehmen nach Monheim lockte und schließlich alle Schulden der Stadt bis auf den letzten Cent zurückbezahlen konnte.

„Der hat uns saniert“, heißt es – egal, wen man fragt auf der Monheimer Hauptstraße. Margret Faber ist die Einzige in einer halbstündigen Umfrage, die sagt: „Ich habe die Peto nicht gewählt. Aber mit so einem Ergebnis war ja zu rechnen. Wegen der Schuldenfreiheit, die ja auch gut ist.“

Derweil sortiert Peto-Geschäftsführerin Vanessa Serve 15 neue Aufnahmeanträge, die sie spontan am Wahlabend bei der Peto-Party im Jugendzentrum eingesammelt hat. Rund 430 Mitglieder hat die Partei mittlerweile, die 1999 als Jugendpartei startete und damals von den Etablierten belächelt wurde. Dieses Lächeln ist ihnen gründlich im Halse stecken geblieben. Was die Peto (Latein für „Ich fordere!“) anders macht, als die um jede junge Seele ringenden Volksparteien, kann Serve nicht wirklich erklären. Wer sich engagieren will, bekomme zunächst kleine, dann rasch größere Aufgaben. Das ist bei den Jusos oder in der Jungen Union auch nicht viel anders. „Wir sind miteinander wirklich befreundet“, sagt Serve nach langem Überlegen. Es scheint, als haben andere Parteien das nicht zu bieten.

Frage an Mister 95 Prozent: Zu einer Demokratie gehört Diskussion, gehört das Ringen um die beste Lösung. Wie soll das in Monheim, bei der Zimmermannokratie künftig gehen? „Wir setzen ganz stark auf direkte Mitbestimmung, machen Bürger-Workshops, noch bevor Bebauungspläne gezeichnet werden. Da kann sich jeder Bürger einbringen.“

 
 

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