Spargel schafft den Durchbruch

Wie hier im Kreis Borken ist die Spargelsaison in vollem Gange. Foto: Matthias Graben / WAZ FotoPool
Wie hier im Kreis Borken ist die Spargelsaison in vollem Gange. Foto: Matthias Graben / WAZ FotoPool
Foto: WAZ
Das Geschäft mit dem gut bezahlten Gemüse läuft wieder. Mit Fußbodenheizungen und Folien wird die Saison gestreckt. So können sich Feinschmecker bis Ende Juni auf Nachschub freuen. Früher dauerte die Saison nur zwei Wochen im Mai.

Raesfeld..  Von Alba Julia nach Raesfeld fährt man 1739 Kilometer, aber wenn es sich doch lohnt! Seit mehreren Jahren schon liest der rumänische Vorarbeiter Vasile Florea immer im Frühling Männer auf und fährt mit ihnen im Kleinbus von Transsylvanien ins Münsterland, um da Spargel zu stechen. „Arbeit in Rumänien kein Geld“, sagt Florea, was er meint, ist schon klar; und Bauer Bernhard Böckenhoff ist seinerseits auch ganz dankbar, dass die Rumänen da sind. Denn ein Teil der gut katholischen Arbeiter aus Polen mochte noch nicht kommen. Ostern!

1972 war Spargel noch ein Randprodukt

„Karfreitag, Ostersonntag, Ostermontag, wir müssen jeden Tag ran, der Spargel wächst ja auch jeden Tag“, sagt Böckenhoff (46): „In der Spargelzeit ist jeder Tag gleich.“ Früher lebte der Hof von Getreide, Mais, Zuckerrüben und Korn, und als die Mutter Adelheid Böckenhoff 1972 mit Spargel anfing, war das ein echtes Randprodukt – Platz war in der kleinsten Nische. Heute lebt der Hof von Spargel, Erdbeeren, Spargel, Spargel, Heidelbeeren und Korn, wobei, ehrlich gesagt, Korn insgesamt ja nicht mehr so gut läuft.

„Ich habe mehr Spargel als Walbeck“, sagt Böckenhoff, der neben eigenem Grund und Boden weiteren tauscht und pachtet im ganzen Kreis Borken, 65 Hektar sind es derzeit. Und als es darum geht, zu den Arbeitern zu fahren, muss er erst mal telefonieren: „Die stecken jetzt, ich weiß auch nicht wo, in Borken oder Gescher.“ Gescher, sagt ihm der Vorarbeiter Florea auf einem windumtosten Spargelfeld 25 Kilometer weiter nördlich ins Handy.

Mit Schlammschuhen und Pudelmütze

Spätestens hier entpuppt sich die Vorstellung von anstrengender Tätigkeit bei angenehmen Temperaturen als etwas schönfärberisch, aber was kann man von Ostern schon anderes erwarten. Dies ist schwere Arbeit im Schmutz: für 30 Männer in Schlammschuhen und unter Pudelmützen, ständig nach vorn gebeugt über die rund 50 Zentimeter hohen Dämme aus sandiger Erde. Alles Männer wie Stefan Kömives-Kiss, der transsylvanische Ungar, der hier jetzt mal als Vorzeige-Spargelstecher ran muss.

Beugt sich also vor, pult die Spargelstange frei, deren Kopf er gesehen hat, sticht sie, füllt dann das Loch wieder auf, legt den Spargel in eine Handkarre, tastet den Damm ab nach weiteren Spargeln, die unmittelbar vor dem Durchbruch stehen könnten; richtet sich dann auf, zieht einen halben Meter weiter, beugt sich vor . . . und das Stunde um Stunde, und auf der anderen Straßenseite warten weitere Felder.

Früher war Saison vom 5. bis 15. Mai

„Ganz früher war Spargelzeit vom 5. bis 15. Mai, da hatte man jede Menge und davor und danach null“, erzählt Böckenhoff, der Bauer. Inzwischen hat die Branche die Saison breitgetreten von Ende März bis Ende Juni: „Sind die Kirschen rot/ist der Spargel tot.“ Gelungen ist ihr das mit, sozusagen, Fußbodenheizungen, und mit Folien, die wärmen oder kühlen: Auf manchen Feldern beschleunigen die Bauern die Reifung damit, auf anderen verzögern sie sie, um ein anhaltendes und berechenbares Geschäft zu haben mit dem gut bezahlten Gemüse.

Die konstante Wohlfühltemperatur für Spargel in der Wachstumsphase führt allerdings auf manchem Feld dazu, dass sich auch Wühlmäuse in den Dämmen häuslich einrichten: Denn Mäuse sind ja auch nicht blöd, sie haben es gerne warm; und hupps, wie bestellt, rennt da auch schon eine! Kömives-Kiss kam ihr zu nah, jetzt verschwindet sie, exaltiert hüpfend, unter der Folie einen Damm weiter.

Sechs Fotos werden von jeder Stange gemacht

Wenn der Spargel das Feld verlässt, ist es vorbei mit der vorgebeugten Handarbeit. Alle zwei Stunden bringt ein weißer Kastenwagen Sprinter die Spargel zum Hof in Raesfeld, dort werden sie von Maschinen gewaschen. Sechs Fotos macht die Maschine von jeder Stange und sortiert sie in Bruchteilen von Sekunden nach Länge, Dicke, Krümmung und Farbe in verschiedene Güteklassen. Und schwupps, liegen sie im Hofladen oder werden zu Gastronomien gebracht oder Großküchen (Großküchen eher, wenn grad ganz viel Spargel da ist und der Preis niedrig).

Auf den Feldern in Gescher geht derweil das Spargelstechen weiter. Am Rand, an einem Feldweg, parkt ein früherer Linienbus, ein roter Bus der Vestischen. Er bringt die Arbeiter vom Hof, auf dem sie schlafen, zu den Feldern und zurück. Tag um Tag um Tag. Im Sichtfenster des Busses steht auch keine Endstation mehr, sondern da steht: „Böckenhoff Spargeltour“. März bis Juni, dann kehren die letzten zurück nach Alba Julia. Transsylvanien ist auch schön. Bis nächstes Jahr! Wenn es sich doch lohnt.

 
 

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