SMS am Steuer - Polizei kassiert nach Unfällen Handys ein

Melanie Bergs
Wer sich von seinem Handy am Steuer ablenken lässt, riskiert schwere Unfälle.
Wer sich von seinem Handy am Steuer ablenken lässt, riskiert schwere Unfälle.
Foto: Imago
Wer während der Fahrt telefoniert oder eine SMS schreibt, riskiert im schlimmsten Fall sein Leben. Die Polizei führt Tausende ungeklärter Unfälle auf den sorglosen Umgang mit Handys zurück. Kölner Beamte greifen nun durch und stellen die Handys von Unfall-Beteiligten sicher. Doch das ist umstritten.

Essen. In ihrem Schoß lag noch das Handy - auf dem Display die ersten Worte einer SMS. Die 24-Jährige war am Kreuz Köln-Ost ungebremst in ein Stauende gerast. Das Auto der jungen Frau rutschte bis zur Hälfte unter einen Sattelzug und fing Feuer. Wahrscheinlich hat sie nur für ein paar Sekunden nicht aufgepasst. Ein paar Sekunden, die sie das Leben kosteten.

Für die Kölner Polizei ist das nur einer von zahlreichen schweren Unfällen, bei dem vermutlich ein Handy im Spiel war. In den vergangenen Jahren habe die Zahl ungeklärter Unfälle deutlich zugenommen, von 5000 auf 8000 Fälle, sagt Polizeisprecher Carsten Möllers. Die Behörde geht davon aus, dass der sorglose Umgang mit Handys hinterm Steuer damit zusammenhängt.

Ein bundesweiter Trend, wie Stephan Hagger von der Gewerkschaft der Polizei bestätigt. „Wir vermuten, dass die Zahl der ungeklärten Unfälle auch deshalb steigt, weil immer mehr Autofahrer ein Smartphone besitzen“.

Beim Telefonieren sei das Unfallrisiko um ein vielfaches höher, das gelte noch verschärfter für das Schreiben von Kurznachrichten oder das Surfen im Internet. Laut einer Studie der Allianz-Versicherung telefonieren 40 Prozent der Autofahrer am Steuer, 30 Prozent lesen Nachrichten, und immerhin noch 20 Prozent schreiben sogar SMS während der Fahrt.

Handy wird ohne richterlichen Beschluss beschlagnahmt

Die Kölner Polizei greift nun härter durch. Bei schweren Unfällen, bei denen es keinen konkreten Hinweis auf die Unfall-Ursache gibt, stellen die Beamten grundsätzlich die Handys der Unfall-Beteiligten sicher.

Ein richterlicher Beschluss ist hierfür zunächst nicht nötig, darauf haben sich in Köln Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht geeinigt. Erst wenn es daran geht, die Daten auszuwerten, muss ein Richter grünes Licht geben.

In Essen beschlagnahmt die Polizei Handys von Unfallfahrern dagegen erst bei einem Anfangsverdacht, erklärt Pressesprecherin Tanja Hagelüken. Etwa, wenn das Gerät im Innenraum nahe beim Fahrer liege oder Zeugen diesen zuvor beim Telefonieren beobachtet haben.

Die Gewerkschaft der Polizei fordert jedoch, dass sich die Kölner Praxis in allen Polizeidienststellen im Land durchsetzt. "Es ist wichtig, die Unfallursache aufzuklären, um den Opfern gerecht zu werden und um solche Unglücke künftig verhindern zu können", sagt Gewerkschafts-Sprecher Hagger.

Experte spricht von massivem Verstoß gegen rechtsstaatliche Grundsätze

Doch der neue Schlachtplan der Polizei ist umstritten. "Ein solches Vorgehen verstößt massiv gegen rechtsstaatliche Grundsätze und höhlt den Richtervorbehalt aus", meint Stefan Nolte, Fachanwalt für Verkehrsrecht in Duisburg. Die Polizisten würden ohne richterlichen Beschluss in das Grundrecht auf Eigentum eingreifen. Das könne von den Betroffenen durchaus mit Erfolg angefochten werden, sagt Nolte.

Entscheidend sei hierbei auch, zu welcher Zeit der Unfall passiert sei. "In Duisburg etwa gibt es keinen richterlichen Notdienst", erklärt Nolte. "Da ist es schon eher begründbar, wenn Polizisten in den Abend- und Nachtstunden nicht auf den richterlichen Beschluss gewartet haben." Über Tag sei es für die Beamten dagegen kein Problem, schnell telefonisch das OK der Justiz einzuholen.

Die Zahlen indes sprechen für sich. So wird laut Allianz-Studie jeder dritte Verkehrsunfall durch unaufmerksame Fahrer verursacht. Neben Handys warnt der Auto Club Europa auch vor der Ablenkung durch Navigationsgeräte. GemeinsameTests mit der Universität Salzburg zeigen, dass die manuelle Navi-Bedienung während der Fahrt bis zu 78 Sekunden Aufmerksamkeit kosten kann. Die Folge: eine Blindfahrt von mehreren Hundert Metern.