Sirenengesang zur Reifeprüfung

Ausgerechnet heute brüten sie über der vielleicht letzten Deutschklausur ihres Lebens: Die Abiturienten 2015 stehen vor ihrer ersten großen Prüfung. Drücken wir alle Daumen, die wir nicht selbst zum Schreiben brauchen, dass die Worte fließen. Und dass es auch den Lehrern besser ergehe als der armen Frau Teiwes, die vor 28 Jahren in Emmerich unsere Abi-Klausur einsammelte und kurz darauf schon dort eintraf, wo sie jetzt mit Herrn Grass Katz und Maus spielen kann.

Diese beiden Sprachliebhaber müssen im selben Jahrzehnt auf die Welt gekommen sein. Der Gesang ihrer Jugend dürfte ein anderer Sirenengesang gewesen sein als jener, der im Deutschunterricht vorkommt. Da sind es ja zu attraktive Frauen, die dem tapferen Odysseus in den Ohren liegen. Der, gefesselt von der Materie, lauscht, ohne sich von seinem Leistungskurs abbringen zu lassen.

Heute gibt es keinen Sirenengesang – und auch kein Sirenengeheule. Jedenfalls nicht als Probealarm im Kreis Wesel. Dort war der Test der Sirenen geplant, wurde aber abgesagt. Die Katastrophenschützer hatten ein Einsehen: Sirenengesang und -geheul gleichermaßen kann in der Abi-Prüfung in die Katastrophe führen. Deswegen wird nicht geheult.

Ist doch auch mal schön, dass die Bedeutung der Sprache Sirenen zum Schweigen bringt. Wo sonst doch immer alles verstummt, wenn die Sirene heult.

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