Schluss mit Einfalt - Forscher züchten alte Hühnerrassen

Klitzekleine Marane sind gerade in den Brutkästen des Wissenschaftlichen Geflügelhofs geschlüpft.
Klitzekleine Marane sind gerade in den Brutkästen des Wissenschaftlichen Geflügelhofs geschlüpft.
Foto: Kai Kitschenberg/ WAZ FotoPool
Damit nicht jedes Ei dem anderen gleicht, widmet sich der Wissenschaftliche Geflügelhof in Rommerskirchen-Sinsteden der Vielfalt der Hühnerrassen. Notfalls wird dazu auch Sperma gewonnen. Vom Hahn, versteht sich.

Rommerskirchen-Sinsteden.. Der Pavillon liegt hinter einem Wäldchen, das Außengelände erinnert an einen Schrebergarten mit bordeauxroten Hütten und kleinen Parzellen ringsrum. Und doch ist dies ein europaweit einzigartiges Institut. Hier geht es rund. Ums Ei. Und ums Huhn. In Sinsteden steht der europaweit einzigartige Wissenschaftliche Geflügelhof – eröffnet vor genau zehn Jahren.

Inga Tiemann, Biologin und Psychologin mit Doktortitel, ist hier die Chefin. „Entstanden sind wir als Antwort des Bundesverbandes der Rassegeflügelzüchter auf die Kritik an so genannten Qualzuchten“, erklärt sie. Qualzuchten heißt: Hühnern kurze Schnäbel oder komische Federhauben anzuzüchten.

"Legehuhnrassen haben keinen Erkundungsdrang"

Komischerweise ging die Kritik nie an Profi-Geflügelzüchter. „Die haben weltweit nur noch vier Rassen“, sagt Inga Tiemann. Zwei für braune Eier, zwei für weiße. Dieser genetischen Monotonie will sie etwas entgegensetzen. „Es wird kritisch, wenn neue Eigenschaften gefragt sind“, sagt sie.

Zum Beispiel, wenn man nach Jahrzehnten der Käfighaltung plötzlich Freilandhaltung will. „Die Legehuhnrassen haben keinen Erkundungsdrang“, sagt sie. Sieben von zehn Freilandeiern werden im Käfig gelegt. Wer neue Eigenschaften züchten will, braucht Vielfalt. Mit rund zwölf Hühnerrassen macht der Geflügelhof da einen Anfang. „Wir würden gern vergrößern“, sagt Tiemann.

Denn die wissenschaftliche Nachfrage ist riesig: Sogar aus Kanada kommen die Geflügelexperten, die hier experimentieren. „Keine invasiven Eingriffe“, betont Inga Tiemann: Ableitungen vom Hühnerhirn gibt es hier nicht. Verhaltensforschung und Biodiversität sind die Themen: Möglichst viele unterschiedliche Hühnerrassen erhalten. Doch das Geld muss mit wissenschaftlicher Arbeit verdient werden: So kooperiert das Institut mit der landwirtschaftlichen Fakultät der Uni Bonn und den Biologen aus Köln und Düsseldorf.

Dabei sind die Geflügelforscher hier betont bodenständig. Theoretisch gäbe es hier Eier für jedermann. Doch wer akut Ostereier möchte, ist in Sinsteden an der falschen Adresse. Man kann aber Hühner kaufen – theoretisch. Die im eigenen Hinterhof gelegten Ostereier sollte man allerdings frühestens für 2016 einplanen. „Wir haben anderthalb Jahre Wartezeit bei manchen Rassen“, erklärt Inga Tiemann. Denn der Trend geht zum Eigenhuhn – zumindest bei vielen ökologisch denkenden Familien.

Hier gibt es seltene Hühner zu kaufen – theoretisch.

Anfangs habe man im Jahr rund hundert Tiere abgegeben, mittlerweile werden mehr als 1000 Tiere im Jahr verkauft. Meist als Küken, die in den Brutkästen des Instituts schlüpfen und schon am ersten Tag aus neugierigen Hühneraugen in die Welt starren. Da ist die Frage einfach, was zuerst da war, Huhn oder Ei: Hier war es das Ei.

Historisch gesehen lautet die Antwort: Es war der Hahn: Er galt vor 7000 bis 8000 Jahren als Gottheit. Weil er ja morgens die Sonne herbeikräht. Da hatte der Mensch gefälligst aufzustehen, wenn der Hahn rief. Dafür durfte er auch mit den Hühnern schlafen gehen.

Im Laufe der Jahrtausende begann der soziale Abstieg des Geflügels: Zunächst durften die Götter in den Ring ziehen: Hahnenkämpfe genießen das zweifelhafte Privileg, zu den ältesten Tierkämpfen der Welt zu gehören. Die alten Ägypter fanden Gefallen an den Hühnerfrüchten. Bis Hühner in den Topf wanderten, dauerte es noch einmal etliche Jahrhunderte.

Und am Ende steht die Legebatterie und die Käfigmast. Also: Wenn man heute leben müsste wie ein Huhn, dann in Sinsteden. Sicher, auch hier muss frau Eierlegen und als Hahn früh aufstehen. Auch ist man am Ende vorm Kurzbesuch beim Schlachthof um die Ecke nicht sicher.

"Ein Hühnerhaufen ist strenger als ein Wolfsrudel"

Aber vorher sind sie hier sicher vor Fuchs, Marder und Hühnerdieben auf zwei Beinen, haben in der Kleingruppe gepflegten Auslauf und immer was zu picken. Allerdings, so Inga Tiemann, ist es kein Vergnügen, in der Hackordnung unten zu stehen. „Ein Hühnerhaufen ist strenger als ein Wolfsrudel.“ Wer unten steht, kriegt Schnabelhiebe. Hühnermobbing kann tödlich enden.

Mit einem Osterglauben räumt Hühner-Expertin Inga Tiemann nebenbei auf: Dass es traditionell Eier gibt, hat bei aller Fruchtbarkeitssymbolik einen einfachen historischen Hintergrund: Wie alle Vögel legen Hühner im Frühjahr viele Eier. Wenn man sie nicht mit Kunstlicht zum Ganzjahresleger erzieht. Und ihnen nicht die Eier lässt. Denn dann gluckt das glückliche Huhn und brütet vor sich hin. Eine Übung, die hier meist den Wissenschaftlern überlassen wird.

Und so kommt man hin:

Der Wissenschaftliche Geflügelhof ist Teil des Kulturzentrums und Landwirtschaftmuseums Sinsteden, Grevenbroicher Straße, 29, 41569 Rommerskirchen. Das Außengelände mit Gänsen, Enten, Hühnern und Tauben ist di-so von von 12 bis 17 Uhr zugänglich. 1,50 € fürs Kind, 4€ Erwachsene, Familienkarte 7 € .

 
 

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