Woran die Arztbewertung im Internet noch krankt

Eine Hausärztin untersucht  in ihrer Praxis einen Patienten. Ob er sie wohl bewerten wird?
Eine Hausärztin untersucht in ihrer Praxis einen Patienten. Ob er sie wohl bewerten wird?
Foto: dpa
Große Krankenkassen lassen über das Internet Ärzte bewerten. Doch noch machen zu wenig Patienten dabei mit, das Portal ist daher wenig aussagekräftig. „Wir wussten von Anfang an, dass wir einen langen Atem brauchen“, sagt einer der Initiatoren des ehrgeizigen Projekts.

Hagen.. „Eine verlässliche und aussagekräftige Orientierungshilfe für die Arztsuche“ sollte entstehen auf dem Internetportal weisse-liste.de. Den Anspruch formulierte im Mai 2010 Brigitte Mohn, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung. Doch es ist ein weiter Weg bis dahin, das wissen die Projektteilnehmer inzwischen. Dabei mischen die ganz Großen mit bei dieser Arztbewertung: die AOK, die Barmer GEK und die Techniker Krankenkasse mit zusammen immerhin 37 Millionen Versicherten, dazu die Bertelsmann-Stiftung, die zusammen mit dem Bundesverband der Verbraucherzentralen sowie Selbsthilfegruppen und Sozialverbänden das Projekt „Weisse Liste“ ins Leben gerufen hat.

Nur - aussagekräftig ist die Arztsuche dort bislang mitnichten. Grund: nur wenige Bewertungsergebnisse für einzelne Ärzte sind einsehbar, weil kaum ein Mediziner mindestens zehn mal bewertet wurde. Erst wenn diese Hürde genommen ist, werden Ergebnisse freigeschaltet. „Sonst ist eine Bewertung doch gar nicht aussagekräftig“, begründet Timo Thranberend von der Bertelsmann-Stiftung diese Regel. Aktuell gibt es 250.000 Arztbewertungen - bei 120.000 Ärzten. Bewertet, das heißt: die Patienten können Aussagen treffen etwa über die Wartezeit, die Arztkommunikation, die Zufriedenheit mit der Behandlung. Zentrale Aussage am Ende: Würden Sie den Arzt weiterempfehlen?

In den USA nutzt jeder Dritte Bewertungsportale

„Wir wussten von Anfang an, dass wir einen langen Atem brauchen“, sagt Thranberend. Er kann auch Erfolge vorweisen: In Thüringen, eine von drei Pilotregionen für die Arztsuche, sei inzwischen die Bewertung für jeden zweiten Hausarzt freigeschaltet. Die USA zeigten, was die Zukunft bringt: „Da schaut jeder Dritte vor einem Arztbesuch in ein Arztbewertungsportal.“

Auch Jens Kuschel, Sprecher der AOK Nordwest, verweist auf den Aufwärtstrend: Vor einem Jahr gab es in NRW 9600 Bewertungen, jetzt sind es 29.000. Mit zu diesem Anstieg beigetragen hat, dass die AOK Nordwest 50.000 Fragebögen zur Arztbewertung verschickt hat; die Antworten - es gab einen Rücklauf von 15 Prozent, also etwa 7500 Bewertungen - wurden von der Kasse in das Portal eingepflegt. „Weitere schriftliche Befragungen auch in diesem Jahr sind nicht ausgeschlossen.“

Kassenärztliche Vereinigung steht dem Projekt offen gegenüber

Beworben wird die Arztbewertung, die bei der AOK Arzt-Navigator heißt, über Kassenzeitschriften, das Internet und verstärkt auch über die Ärzte selbst. Die sollen ihre Patienten einladen, an der Bewertung teilzunehmen. „Immerhin haben die Ärzte das ja mit uns zusammen entwickelt“, sagt Kuschel.

Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe steht dem Projekt deshalb offen gegenüber. „Solange es fair abläuft, ist das in Ordnung“, so Sprecherin Mona Dominas. Letztlich, meinen Thranberend, Kuschel und Dominas übereinstimmend, laufe es wie früher: „Da hat man Bekannte gefragt, welchen Arzt sie empfehlen. Das findet jetzt in einem Bewertungs-Portal statt.“

 
 

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