Wie ständige Erreichbarkeit den Arbeitnehmer belastet

Stefan Pohl
Ständige Erreichbarkeit kann Arbeitnehmer in die Depression drängen.
Ständige Erreichbarkeit kann Arbeitnehmer in die Depression drängen.
Foto: Joachim Kleine-Büning/WAZ FotoPool
In Zeiten des Internets sind Arbeitnehmer immer erreichbar - und auch das Handy klingelt oft dann, wenn eigentlich Freizeit angesagt wäre. Ständige Erreichbarkeit kann für Menschen zum Problem werden. Manche schaden ihrer Gesundheit - Ärzte und Wissenschaftler betrachten das Phänomen mit Sorge.

Hagen. Immer mehr Beschäftigte machen diese Erfahrung: Im Zuge der durch den Wettbewerb bedingten Rationalisierung werden ganze Abteilungen ausgedünnt, die Arbeit verdichtet sich, die früher klaren Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben verwischen. Entgrenzung nennt das der Sozialwissenschaftler. Nach Feierabend ein Anruf vom Chef und eben noch die dienstlichen E-Mails checken und beantworten - das kommt vor. Ständige Erreichbarkeit kann zu Depressionen führen, warnen Ärzte.

Ab dann wird es gefährlich

Laut DAK haben zwar 87 Prozent der Beschäftigten ihre Telefonnummer beim Arbeitgeber hinterlegt, aber 51,7 Prozent der Befragten werden nie von Vorgesetzten oder Kollegen außerhalb der Arbeitszeit angerufen - ein Drittel seltener als einmal pro Woche. Von da an wird es gefährlich: Wer öfter gestört wird, hat ein höheres Risiko, an einer psychischen Störung zu erkranken, so die Studie. Etwas geringer ist die Belastung durch E-Mails. 11,7 Prozent lesen täglich dienstliche E-Mails außerhalb ihrer Arbeitszeit, fühlen sich in der Mehrzahl dadurch aber nicht besonders belastet.

Wie gehen die Betriebe damit um, haben Arbeitsverdichtung und ständige Erreichbarkeit zu einer Zunahme psychischer Erkrankungen geführt? Wir haben Unternehmer und Mediziner gefragt.

Beim in allen Zeitzonen tätigen Autozulieferer Hella in Lippstadt gibt es keine feste Regelung. Personalchef Dr. Markus Richter betont aber: „In einem internationalen Netzwerk muss morgens um 6 Uhr wie abends um 20 Uhr jemand erreichbar sein, aber es kann nicht sein, dass ein Mitarbeiter 24 Stunden standby steht. Dafür haben wir ein Support-System.“ Für Richter liegt die Erreichbarkeit von Mitarbeitern in einer Grauzone, manche sähen es als Vorteil, von zu Hause aus zu arbeiten. Niemand bekomme aber einen Rüffel, wenn er um 20 Uhr für einen Anruf seines Chefs nicht mehr erreichbar sei.

Missverhältnis von Anforderung und Möglichkeiten

Ärzte sind beim Thema Stress und Überlastung manchmal befangen, das gehört in Klinik oder Praxis zu ihrem Alltag. Dr. Nikolaus Zarmutek vom Arbeitsmedizinischen Zentrum Siegerland sieht zunächst nur Gesunde, er nimmt auf Wunsch von Firmen Checkups an Arbeitsfähigen vor. Er sei jetzt 12 Jahre im Job, sagt er, aber die Klage über ständige Erreichbarkeit habe er kaum je gehört.

Wohl sei Überlastung ein Thema: das Missverhältnis von Anforderung und Möglichkeiten, bei Älteren die Arbeit mit dem Computer, dazu Probleme mit Vorgesetzten, Schichtarbeit. Und die Folgen wie Schlafstörungen, Blutdruckschwankungen, Suchtverhalten: „In Stresszeiten fällt es natürlich besonders schwer, von Alkohol und Nikotin zu lassen.“ Mit Depressionen als Folge von Überlastung habe er heute fast täglich zu tun, bei etwa 10 Prozent der Probanden: „Früher war das einmal pro Woche.“

Dr. Josef Leßmann, Ärztlicher Direktor der Landschaftsverbands-Kliniken Warstein und Lippstadt und Experte für Burnout und Depressionen, hat die Kranken im Blick und möchte das Thema ständige Erreichbarkeit nicht verharmlosen: „Das betrifft die Arbeitnehmerschaft, die mit der erheblichen Beschleunigung des Arbeitslebens nicht mehr zurechtkommt.“

"Nie entspannt, immer auf der Hut"

Einher damit gehe eine Entsolidarisierung. Dabei sei Arbeit im Grunde eine „positive Ressource“, biete Betätigung, Selbstverwirklichung, Kreativität, Anerkennung. Arbeitslose seien daher häufig multimorbid. Er selbst sei ein „Arbeitstier.“ Den modernen Arbeitnehmer beschreibt Leßmann „wie eine Gazelle in der Savanne: nie ganz entspannt, immer auf der Hut.“ Das führe dazu, dass depressive Erkrankungen zunähmen: „Wir haben ambulant und stationär eine deutliche Zunahme dieser Krankheitsbilder - unsere neue separate Depressionsabteilung ist zu 100 Prozent belegt.“