„Wie die Autoindustrie um 1910“

Harald Ries
Wenn die Sonne scheint, kann der deutsche Strombedarf heute schon zu fast 100 Prozent durch Windkraft und Photovoltaik gedeckt werden.
Wenn die Sonne scheint, kann der deutsche Strombedarf heute schon zu fast 100 Prozent durch Windkraft und Photovoltaik gedeckt werden.
Foto: picture-alliance/ dpa
  • Heute 200, in 40 Jahren 5000 Gigawatt,
  • Prof. Eicke R. Weber rechnet mit einer großen Zukunft der Photovoltaik.
  • Preisverleihung am Fraunhoferzentrum Soest

Soest.  „Wir sind in der Photovoltaik noch ganz am Anfang“, sagt Prof. Eicke R. Weber. „Die Lage ist vergleichbar mit der Autoindustrie im Jahr 1910.“ Eine optimistische Sichtweise. Aber der Mann muss es wissen – als Leiter des größten Solarforschungsinstituts in Europa, des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg. Gestern bekam der Physiker bei der Arbeitstagung „Angewandte Oberflächenanalytik“ im Fraunhofer-Anwendungszentrum für Anorganische Leuchtstoffe auf dem Campus der FH Südwestfalen in Soest den Rudolf-Jaeckel-Preis verliehen. Und nutzte die Gelegenheit zu einem Grundsatzvortrag zur regenerativen Energie.

Die Ausgangslage

Der Weltenergieverbrauch beträgt derzeit rund 16 Terawattjahre. (Das sind 8,7 Billionen Kilowattstunden). Mit mehr Energieeffizienz lässt sich der erwartete Anstieg bis zum Jahr 2050 auf 28 Terawattjahre begrenzen. Das wäre durch Wind zu decken – wenn er flächendeckend geerntet würde. Er liefert theoretisch 60 bis 120 Terawattjahre. Der Wert für die Sonne liegt bei 23 000. Weber: „Das ist das zentrale Thema.“

Die Entwicklung

Deutschland hat 1990 drei Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien erzeugt, heute sind es 36. „Wir haben der Welt einen unglaublich wichtigen Dienst geleistet“, sagt Weber. „Für Investoren lohnte sich Photovoltaik.“ Man habe allerdings versäumt, die Einspeisetarife an die sinkenden Kosten anzupassen. Die sind bei jeder Verdoppelung der global installierten Menge um 20 Prozent gesunken, in 25 Jahren um den Faktor 10.

Die Kosten

Für 2050 rechnet Weber mit Solarstromkosten zwischen zwei und vier Cent pro Kilowattstunde. In Dubai lägen sie schon bei drei Cent. Deutsche Erzeuger rechnen mit 10 bis 13 Cent. „Indien will gigantisch investieren – nicht aus Klimaschutz, sondern um Geld zu sparen.“ Sorgen der Industrie bezüglich höherer Strompreise seien unbegründet: „Der Widerstand soll nur alte Anlagen schützen.“

Die Technik

Neue Technologien sollen der Photovoltaik zu besserer Effizienz und geringeren Produktionskosten verhelfen. Beides zusammen klappt noch nicht. Aber der Wirkungsgrad von heute üblichen 4 bis 12 Prozent lässt sich im Labor auf 46 und im Modul auf 25 bis 30 Prozent steigern. Da sieht der Solarexperte gute Chancen für die deutsche Industrie.

Die Politik

Weber hat für seine Pläne politische Unterstützung gesucht. Lange bei den Grünen. Aber Naturschutz ist nicht sein oberstes Ziel. Deshalb hat er es bei der FDP versucht. Doch von der derzeitigen Führung ist er auch sehr enttäuscht. Seine Befürchtung: „Die Politik ist dabei, die wirtschaftlichen Chancen der Transformation zu verschlafen. Überall auf der Welt wird unsere Technologie nachgefragt. Wir müssen aber die Weichen jetzt richtig stellen.“

Die Zukunft

Weltweit sind heute gut 200 Gigawatt (200 Milliarden Watt) Photovoltaikleistung installiert. Im Jahr 2050 rechnet Weber mit 5000 Gigawatt. So erklärt sich sein Vergleich mit der Autoindustrie von vor gut 100 Jahren. Für Deutschland hat das ISE durchgerechnet, was bis 2050 machbar wäre: 80 Prozent aller Energie könnte aus erneuerbaren Quellen kommen. Kosten: 5000 Milliarden Euro. Sehr viel. Doch die Weiterführung des bisherigen Systems würde 4000 Milliarden kosten. Differenz: 1000 Milliarden auf gut 30 Jahre. Macht 300 Milliarden pro Jahr. Weber hält das für machbar: „Wir brauchen jährlich drei Gigawatt Zubau, verbesserte Effizienz, Netzausbau, bessere Speichertechnologien und die Überführung von Überschussstrom in Wasserstoff für Brennstoffzellenautos.“