Wenn Geschichte erschütternd begreifbar wird

Franz Stock (2. v.l.) mit jungen Deutschen und Franzosen. Foto: Katalog
Franz Stock (2. v.l.) mit jungen Deutschen und Franzosen. Foto: Katalog
Foto: WP
Sauerland-Museum in Arnsberg zeigt ab 20. Mai eine Ausstellung über den Theologen Franz Stock

Arnsberg. Dieser Raum wird ganz gewiss keinen Besucher unberührt lassen: Vor einem monströs riesigen Foto, das die standrechtliche Erschießung französischer Widerstandskämpfer auf dem Mont Valérien durch deutsche Soldaten dokumentiert, steht ein schlichter Holzsarg. Daneben liegt einer jener Pfähle, an denen die zum Tode Verurteilten gebunden wurden. Wieder und wieder. Einer nach dem anderen. Hunderte, Tausende am Ende.

Die leicht abgedunkelte Szene des Grauens bildet den Kernpunkt der Ausstellung „Franz Stock und der Weg nach Europa“, die am kommenden Sonntag, 20. Mai im Arnsberger Sauerlandmuseum eröffnet wird.

Der eigentliche Festakt beginnt am Sonntag um 15 Uhr in der Arnsberger Propsteikirche in Anwesenheit des französischen Botschafters Maurice Gourdault-Montagne sowie des ehemaligen NRW-Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers. Nach einem Gottesdienst wird dann Kurienkardinal Paul Josef Cordes die Festrede über das Leben und Wirken des katholischen Priesters Franz Stock halten, der, in Neheim geboren, als ein wesentlicher Wegbereiter der deutsch-französischen Verständigung und eines später geeinten Europas anerkannt wird. Seit November 2009 läuft auch in der katholischen Kirche das Seligsprechungsverfahren für Franz Stock (1904-1948).

Weit über 420 Gäste werden zum Ausstellungsauftakt am Wochenende in Arnsberg erwartet; deutliches Indiz für die wirklich herausragende Bedeutung dieser Schau, die seit gut eineinhalb Jahren vom Sauerland-Museum in Zusammenarbeit mit dem Franz-Stock-Komitee für Deutschland und der Deutsch-Französischen Gesellschaft Arnsberg organisiert worden ist.

Museumsleiter Dr. Jürgen Schulte-Hobein unterstreicht die doppelte Zielsetzung der Präsentation, die einerseits die Biografie von Franz Stock aufarbeitet, parallel dazu aber auch die europäische Friedensdimension seines Schaffens bis in unsere Tage veranschaulichen soll.

Eine Fülle von Dokumenten, Fotos, Filmen, Bildern, Möbeln, Gebrauchsgegenständen und anderen Zeugnissen folgt der motivischen Ausstellungsgestaltung, die das deutsch-französische Verhältnis der vergangenen 100 Jahre im Wandel „vom Erzfeind zum Duzfreund“ (Schulte-Hobein) illustrierend begleitet.

Franz Stock stand während der deutschen Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg in den Gefängnissen von Paris sowie an der Hinrichtungsstätte auf dem berüchtigten Mont Valérien als buchstäblicher Seelsorger den Gepeinigten und Verurteilten zur Seite. Unter Einsatz seines Lebens sorgte er für letzte Kontakte zu den Angehörigen, schmuggelte Abschiedsbriefe und anderes durch die Fronten, spendete Trost und las allerletzte Messen. Nicht einmal 44-jährig starb Stock am 24. Februar 1949 im Status eines Kriegsgefangenen, mutmaßlich nicht zuletzt auch an den psychischen Folgen seiner zutiefst aufwühlenden Erlebnisse der Vorjahre. Nuntius Roncalli fand bei der Aussegnung von Franz Stock die passenden Worte: „Abbé Franz Stock - das ist kein Name - das ist ein Programm“.

Die vorbildhaft sorgfältig komponierte Ausstellung, die gerade auch im Hinblick auf didaktischen Ansprüche für Schulklassen sehr gelungen ist, dokumentiert ein herausragendes Glaubenszeugnis, das sich als politisches Manifest gleichermaßen interpretieren lässt.

Die Tatsache, dass Franz Stock auch in Frankreich in sehr hervorgehobener Weise anerkannt und nach wie vor intensiv erinnert wird, erhält in Arnsberg ein ebenbürtiges Gewicht neben der Sauerländer Verwurzelung dieses mutigen und opferbereiten Theologen, der bereits in schwerster und beladener Zeit in unerschütterlichem Glauben den Weg für und nach Europa vorbereitet hat.

 
 

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