Neues Reiserecht: Staatsekretär stellt sich in Iserlohn der Diskussion

Staatssekretär Gerd Billen und die Reisebüroinhaberin Marija Linnhoff (l.) streiten über die Umsetzung der EU-Pauschalreiserichtlinie in nationales Recht.
Staatssekretär Gerd Billen und die Reisebüroinhaberin Marija Linnhoff (l.) streiten über die Umsetzung der EU-Pauschalreiserichtlinie in nationales Recht.
Foto: Ralf Rottmann
  • Neues Reiserecht verunsichert unabhängige Reisebüros
  • Reise werden teurer als gedacht
  • Umsetzung der EU-Pauschalreiserichtlinie in nationales Recht
  • Neues Reiserecht verunsichert unabhängige Reisebüros
  • Reise werden teurer als gedacht
  • Umsetzung der EU-Pauschalreiserichtlinie in nationales Recht

Iserlohn.. Sie sind nicht im Bild. Sie sind Kunden - und Statisten. Sie staunen. Jutta (68) und Reiner Mahncke (75) sitzen im Reisebüro in Iserlohn. Das Ehepaar will nach Fuerteventura.

Streit um neues Reiserecht / 2018 tritt es in Kraft

Ihm gegenüber: Inhaberin Marija Linnhoff und Gerd Billen, Staatsekretär im Bundesjustizministerium. Sie streiten um das neue Reiserecht. Im Frühjahr 2018 tritt es in Kraft. Das Bundeskabinett hat den Entwurf zur Umsetzung der EU-Pauschalreiserichtlinie in nationales Recht bereits verabschiedet. „Das kommt in der Regel genauso. Das ist geübte demokratische Praxis“, sagt Gerd Billen, Staatssekretär und oberster Verbraucherschützer im Bundesjustizministerium. Marija Linnhoff regt sich auf: „Und der Bundestag? Wir haben doch Abgeordnete? Sie stimmen einfach zu?“

Die 53-Jährige, Vorsitzende des Verbandes unabhängiger selbstständiger Reisebüros (VUSR), will nicht glauben, was sie hört, nimmt nicht hin, was unausweichlich scheint. „Wir starten eine Petition, wir schaffen 50 000 Unterschriften in vier Wochen.“

Geduldig hört sich der Staatssekretär die Kritik an. Das neue Reiserecht bringe kleine, unabhängige Reisebüro an den Rand der Existenz, zwinge ihnen unnötig viel Formulare auf, spiele den Direktvermarktern von Reisen in die Hände und bringe für die Kleinen der Branche kaum vertretbare Haftungsrisiken mit sich (wir berichteten). Marija Linnhoff: „Wenn wir uns vertun, schnappt für uns die Haftungsfalle zu.“

Auch die Kunden müssen mit Nachteilen rechnen

Warum? Weil das Reisebüro künftig beim Verkauf einzelner Bausteine wie der Buchung eines Fluges, eines Hotels oder eines Mietwagens als Anbieter sogenannter verbundener Reiseleistungen auftritt und dafür haftet. Damit nicht genug der Vorwürfe. Nicht nur dem Reisebüro wird das Leben schwer gemacht. Auch auf die Kunden kommen mit der Neuregelung Nachteile zu.

Acht Prozent können die Reiseveranstalter bis zu 20 Tage vor Reiseantritt auf den Preis schlagen, aktuell sind es bei einer viermonatigen Frist bis zu fünf Prozent. Bei einer vierköpfigen Familie, die allinclusive für 3000 Euro zwei Wochen Mallorca buchen, so Marija Linnhoff seien es locker ein paar hundert Euro mehr.

Dem 61-jährigen Staatssekretär fällt es nicht leicht, all die Vorwürfe zu entkräften. Nicht immer will er es. Er räumt ein, dass die Richtlinien der EU als Folge vieler Kompromisse nicht immer die intelligentesten Lösungen seien: „Es würde genügen, wenn die EU generelle Regeln aufstellen und die Detailarbeit den nationalen Parlamenten überlassen würde. In jedem Land sind die Strukturen anders.“ So will Billen sich dafür stark machen, „dass Kunden nicht jeden einzelnen Baustein extra mit einer Rechnung bezahlen müssen, um Haftungsrisiken auszuschließen. Das hat mit der Praxis nichts zu tun und bedeutet im Tagesgeschäft nur unnötigen Aufwand.“

Mehr Verantwortung für die Reisebüros

Gerne ist der Staatssekretär, wie er versichert, vor Ort unterwegs, um gesetzliche Vorhaben auf Herz und Nieren zu prüfen. Bei der Umsetzung sieht er in diesem Fall nicht nur Schlechtes. „Künftig sind Reisebüros als Vermittler ein Stück weit mehr verantwortlich für das, was sie verkaufen.“ Der Kunde erfahre genau, welche Sicherheiten bei einer Pauschalreise und bei einzelnen Bausteinen gelten würden.

Das habe Vorteile und sei in vielen EU-Ländern nicht üblich. „Bundesweit soll mit dem neuen Reiserecht eine Schlichtungsstelle für Streitfälle eingerichtet werden“, sagt Billen. Das Ehepaar Mahncke wirkt verunsichert. Sie: „Ich möchte, dass alles bleibt wie bisher. Im Internet buche ich nicht. Das ist mir zu unsicher.“

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